ich denke immerzu


»Sahnehäubchen. Ich denke immerzu an Sahnehäubchen. Weißt du?«, Viktoria sieht verträumt in das Aquarium. Aus der versunkenen Plastikstadt steigen winzige Luftblasen empor und an der Seite klappt eine Venusmuschel gleichmäßig auf und zu. Sobald sie sich wie von Zauberhand öffnet, schweben unzählige Bläschen wie Perlenhäute an die Wasseroberfläche, wo sie sich für einen Augenblick zu einem schaumigen Deckbett sammeln, um danach durch die Strömung der Filteranlage verteilt zu werden. Dann lösen sie sich auf und neue folgen.
Viktoria und der Alte, den sie Papa nennt, sind die letzten Gäste in Kalles Eck. Die Kneipe liegt in der Nähe des Stadtparks. Als am Nachmittag der Schneefall einsetzte, flüchteten sie hinein. Nicht zum ersten Mal. Nicht nur bei Schnee.
Bei Kalle verklären Schlager aus zwei großen Lautsprecherboxen die Jahreszeit. Singen von Liebe und Schmerz in Sommernächten. Auf den Tischen stehen künstliche Blumen. Die Altberliner Räume verbergen ihren Charme hinter asiatischem Kitsch.
»Wenn du mit Vernunft nicht mehr weiterkommst«, sagt sie, wie von weit weg, »nimm Liebe! So hat das jemand gesagt. Liebe. So ein wunderschönes Wort. Stell dir vor, sie findet mich eines Tages wieder, hm.«
Viktoria sieht hinaus. Auf der Straße ist es ruhig. Wer ein Zuhause hat, schläft. Ab und zu fährt ein Auto. Kaum hörbar. Schneedumpf.
Plötzlich flackern die Leuchtstoffröhren über ihr geräuschvoll auf. Taghell wird es und Viktoria blinzelt im Fenster ihr Spiegelbild an.

Vom Tresen aus beobachtet Kalle die beiden. Er will, dass der Landstreicher seine Kneipe verlässt. Das Licht ist sein erster Hinweis. Das Mädchen muss seinen Blick spüren und dreht sich um. Seine Wangen sind eingefallen. Aus dunklen Höhlen leuchten ihn hellgrüne Augen an. Wie viele Kerle waren es heute? Er hat nicht aufgepasst. Sie, Frau Viktoria, hätten Sie ein Stündchen für mich? Er hat die naive Art, auf jeden zuzugehen und in ihm einen Vater finden zu wollen, oft genug mitbekommen. Jemand sollte deutlich machen, dass die Welt so nicht funktioniert. Angewidert wischt er über den Tresen.

Viktoria dreht sich zurück zum Tisch. Der Alte schnarcht leise und sabbert auf seinen Ärmel. Hässlich, er sieht hässlich aus, wenn er schläft, denkt sie, manchen steht der Frieden im Schlaf gut, dem nicht. Der ist nur hübsch, wenn er Krawall macht.
Das Bier zwischen ihren Händen ist warm. Glasabdrücke bilden Muster auf der Tischplatte. Aus den Bierdeckeln hat sie ein Haus gebaut. Das kann sie von ihrem richtigen Vater. Sie legt ihre Arme drum herum. Stößt dabei gegen die Schüssel in der Mitte. Die Tomatensuppe war viel zu salzig. Nur wenige Löffel hat sie versucht. Ihren Hunger anschließend mit Bier gestillt. Der Alte isst sowieso kaum. Bier ist sein Essen. Fünf Flaschen stehen vor ihm. Der Rücken hebt und senkt sich und sie sieht ihm dabei zu.
Abrupt stirbt nun die Musik und hinterlässt einen dumpfen Knall. Viktoria zuckt leicht zusammen. Kalle läutet zur zweiten Rauswurf-Runde. Sie versteht seine Zeichen obwohl sie sonst viele Dinge nicht versteht. Verunsichert zieht sie sich in das Piepen in ihrem Ohr zurück, nimmt die Beine auf den Stuhl, umfasst sie und schaukelt wie ein wildes Tier in Gefangenschaft.
Außerhalb des Wattebausches poltern Worte durch den Raum.
»Ich müsste dann abkassieren!«

»Achtzehn fünfzig? Ist das dein Ernst?«, Viktoria mault, als sie die Zahl auf dem Kassenbon erkannt hat. Sie kratzt in der kleinen Silberschatulle ihre Münzen zusammen. Ihre Unterlippe schiebt sie nach vorn. Der Tag war wenig erfolgreich gewesen. Bei dem Wetter schlagen die Leute Kragen und Kapuzen nach oben, schauen kaum auf Ampelfarben. Schon gar nicht auf sie, wenn sie mit hohler Hand vor dem Einkaufscenter hockt und Weihnachtslieder summt. Und zum Spielen war heute auch keiner da. Wenn der Alte in ihrer Nähe ist, kommt von den anderen niemand. Sie überlegt.
»Hast DU vielleicht Sahne?«, dreht sie sich zu Kalle um, »das ist DIE Idee!«, sie legt die Münzen vor sich auf den Tisch, »wo ich doch die ganze Zeit an Sahnehäubchen denke.«
»Ich kann dir gleich mal Sahne geben, du Göre«, ruft Kalle über die Zapfanlage. Er säubert die Messinghähne ohne aufzublicken.
Plötzlich lallt der Alte, »waschhh?«, und richtet sich langsam auf. Er wischt den Speichelfaden vom Mund, »Waschhhishoos?«
»Noch ist gar nichts los«, erwidert Kalle, »wird allerdings Zeit, dass du zur Besinnung kommst. Zahlt gefälligst, was ihr versoffen habt und bewegt eure verlotterten Ärsche zum Ausgang! Aber Dalli!«

Der Alte erhebt sich wankend und viel zu schnell. Sein Stuhl kippt zur Seite, und er taumelt mit dem Rücken gegen das Aquarium. Die Buntbarsche stieben unter der zitternden Wasseroberfläche in die hintersten Ecken. Sie verstecken sich zwischen Wasserpest und aufgetürmten Steinplatten. Zerfallene Exkremente wirbeln zu braun schwebenden Unterwasserwolken auf und nehmen die Sicht. Für einen Moment fordert ihn der Gleichgewichtssinn heraus. Als er schließlich Halt findet, kneift er selbstzufrieden die Augen zusammen, sieht hinauf in die Neonröhren und flucht.

Viktoria freut sich. So gefällt er ihr. So ist er doch wie ein richtiger Papa. Und bestimmt riecht er auch so. Sie ahnt sie nur, die Mischung aus Fusel und ungewaschener Haut, die ihr so vertraut ist. Als Kind hat sie ihren Geruchssinn verloren. Doch nie die Erinnerung daran. Ihre Augen beginnen zu leuchten.

»Soo … schbrichs duu nisch mit ainaah … Daame!«, die Worte quellen zäh über die aufgesprungenen Lippen. Die Winterluft zerfurcht seit Tagen Haut des Alten. Die oberen Schneidezähne fehlen. Er droht mit erhobenem Zeigefinger. Dabei knicken ihm die Knie erneut ein, so dass er sich mit der freien Hand festhalten muss, um nicht lang hinzuschlagen. Scharrend rutscht der Tisch über den Fliesenboden, bis er an die Fensterwand stößt.
»Schon gut, Papa«, Viktoria zieht ihm am Ärmel, »komm, wir gehen. Die Musik ist aus und ich will Sahnehäubchen. Los, die holen wir jetzt!«

Während Viktoria noch an dem Alten zieht, legt Kalle plötzlich den Putzlumpen mechanisch vor sich ab und stiert sie an. Ihre Jacke hat sich von den Schultern gelöst. Unter dem durchscheinenden Stoff ihrer Bluse sieht er den schwarzen Büstenhalter und das dunkle Rosa, das frierend und erregt aus dem Körbchen gerutscht ist. Dann geht er schnurstracks auf sie zu. Die Haare fallen ihm strähnig ins Gesicht. Der Arm eines Oktopus schlängelt sich in schwarzer Tinte an seinem Hals empor. Mit geblähten Nasenflügeln sieht er Viktoria eindringlich an.
»Sahne? Du willst Sahne? Aus einer Sprühdose? Oder von mir? Na! Sag schon!«
Er baut sich breitbeinig vor ihr auf und grinst. Die beiden obersten Knöpfe seines Hemdes sind geöffnet. Dunkler Flaum überzieht die harte Brust, mit ihr den Kopf des Oktopus … und gibt ein lächerliches Bild. Die rechte Hand in die Hose gesteckt, geht er für einen Moment in die Knie und beugt sich so nah an das Ohr des Mädchens, dass seine Nase die Wange berührt. Er flüstert drohend und lockend zugleich, »wenn du heute nicht den Frost küssen willst … ICH hätte einen Platz für dich. Du musst nur den Alten loswerden …«
»Waschhishoos?«, fährt der mit aufgerissenen Augen dazwischen.
»Oooh!«, jauchzt Viktoria und klatscht in die Hände.

Als sie klein und ihr Papa stark war, da hat sie dieses schöne Wort gehört. Das von der Liebe. Ihr fällt wieder ein, wie ihr Vater Wunden tupfte und Schmerz weg blies. Wie seine Augen feucht und rot unterlaufen in ihre sahen. Verzeih mir!, flüsterte er und küsste ihre verklebten Haare. Dann weinte er wie ein Kid.
In der ersten Zeit hat sie ihn dabei noch riechen können. Jedes Mal wischte er vom Boden, was rot aus ihrer Nase gelaufen war. Alles, weil er sie liebte.
Eines Tages war es damit vorbei. Sie klingelten und schlugen laut gegen die Tür. Holten ihn einfach weg von ihr. Sie wunderten sich, dass sie ständig lächelte und zählten die Narben auf ihrem Kopf. Sie sagten etwas von Behinderung, gaben ihr ein neues Zimmer und schlossen die Tür ab. Zu ihrem Schutz. Sie musste Bilder malen und Antworten auf Fragen wissen. Manchmal kam ein Arzt. Der zeigte ihr später auch, wie das mit dem Spielen geht. Wenn er Nachtdienst hatte. Danach hielt er sie lange fest. Das war warm und schön, und sie hörte auf zu zittern.

Viktorias Bauch kribbelt vor Angst. Sie lacht und zittert gleichtzeitig.
»Waschhhishoos?«, lallt der Alte noch einmal und gerät wieder ins Wanken. Sein Kopf fällt nach vorn. Er dreht ihn mühsam, hält sich an ihr fest und fixiert Kalle von unten herauf mit wässrigen Augen. Sein Atem geht hörbar schwer. Viktoria steht still, sieht von einem zum anderen, dann tippt sie vorsichtig auf den Kopf des Oktopus und dreht den Finger in die gekräuselte Behaarung.
»Lass das!«, Kalle reißt ihre Hand fort.
Wieder jauchzt Viktoria, noch so ein Papa, denkt sie und sieht zärtlich in Kalles Augen. Kalt und eisig gucken die zurück. Sie schüttelt langsam den Kopf und will zurückweichen, die kennen die Liebe nicht, diese Augen sind nicht richtig, auch nicht, wenn sie wütend sind … Keinen Frost küssen, sie sieht mit aufgerissenen Augen zum Alten.

Sie wäre nie freiwillig weggegangen. Nicht so wie die Frauen, die sie Mama nennen sollte, wenn sie eine zeitlang bei ihnen lebten. Die waren immer schnell wieder fort. Papa wollte, dass sie ihre Wunden selber waschen. Er weinte bei ihnen auch nicht. War seine Wut vorbei, holte er sich ein neues Bier und Viktoria saß auf seinem Schoß. Waren die Frauen da, heilten Viktorias Narben.
Sie wollte ihn zurück. Manchmal war es ihr gelungen davon zu laufen, um ihn zu suchen. Doch die von der Anstalt griffen sie immer wieder auf und brachten sie zurück. Bis sie im Park dem Alten begegnet war. Der Alte, der so hässlich aussah, wenn er schlief. Und wie ein Papa auf sie schaute, wenn er bei Besinnung war.

»Nein, ich gehe nicht weg von Papa!«, sagt sie trotzig, steckt Kalle die Zunge heraus und will nach dem Alten greifen. Blitzschnell reagiert Kalles Hand. So als wären sie der verlängerte Arm seines Tattoos, kneifen fünf Finger in Viktorias Zunge und halten sie fest.
»Aah!«, Viktoria zieht ihren Kopf zurück. Doch die Fingernägel des Tätowierten bohren sich tief in das weiche Fleisch, bis ihr Mund sich süß füllt und Speichel rosa über das Kinn läuft.
»Laasshhhiiii …«, brüllt der Alte. Schlagartig scheint er hellwach und macht einen Schritt auf die beiden zu. Das Mädchen erkennt etwas Weißes in seiner Hand. Er holt aus, dann scheppert es. Viktoria spürt, wie sich etwas Warmes mit den Rinnsalen unter ihren Lippen vermischt. Der Kneipenbesitzer geht zu Boden. Benommen wischt sie sich über das Kinn.
»Oh, Papa! Oh – oooh! Das müssen wir aufwischen. Schnell! Die Flecken. Auf dem Boden … das muss alles weg. Es muss sauber sein. Und dann … sag ihm, dass du ihn lieb hast. Papa! Wie immer …«
Der Alte schnauft und sieht Viktoria verständnislos an. Dann betrachtet er die Fliesen, auf denen verteilt weiße Scherben liegen. Reste von Tomatensuppe vermischen sich mit dem Blut, das aus Kalles Schläfe in feinen Rinnsalen zu einer dunkelroten Lache läuft. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Wie bei einem heulenden Kleinkind sucht sich Sabber den Weg über die Unterlippe. Er sackt schluchzend zu Boden.
Im nächsten Moment rüttelt es an der Tür. Jemand trommelt gegen die Scheibe, »ich rufe die Polizei!« Die Drohung von der Straße hält den Alten wie ein Teertiegel bewegungslos fest. Er sieht auf seine Hände und wimmert fortwährend, »waaaas? waaaas? …«
Anders Viktoria. Sie läuft hinter den Tresen und holt Kalles Putzlumpen. Dann zieht sie ihre Jacke aus, die immer noch auf halb acht an ihr hängt, und hockt sich neben ihn.
»Hier«, hält sie ihm den Lappen hin, »wir müssen das sauber machen«, ängstlich sieht sie zur Tür, »sie dürfen dich nicht wieder wegnehmen. Dürfen sie nicht«, flüstert sie, schüttelt den Kopf und verteilt mit ihrer Jacke das Rot auf den Fliesen.
»Wasser, wir brauchen Wasser!«, sie springt zum Aquarium und lacht erleichtert, während es an der Tür weiter rüttelt und klopft. Was die Stimme sagt, versteht sie nicht. Sie will Wasser. Damit wird alles gut. Euphorisch taucht sie den Lumpen ein, dabei übersieht sie die Glasplatte, mit der das Aquarium abgedeckt ist. Kurz schreit sie auf, als es scheppert. Das Wasser, in das sie den Lappen versenkt hat, färbt sich rot.

»Ich denke immerzu an Sahnehäubchen«, flüstert Viktoria zitternd und drängt sich an den Alten. Der blutgetränkte Putzlumpen um ihr Handgelenk ist gefroren. Ihre Lippen und Finger sind blau. Die Polizei macht um diese Ecke des Parks einen Bogen. Ihr sollt mich nicht finden und wieder zurück bringen.
Die aufgerissenen Augen von Kalle fallen ihr ein. Sie hatte ihm die Jacke auf den Mund gedrückt, als er zu sich kam. Er sollte nichts mehr sagen mit seinen bösen Augen.
Als seine Füße nicht mehr zappelten und das Donnern und Rufen an der Tür nicht aufhörte, waren sie durch den Hinterausgang der Kneipe gerannt. Der wimmernde Alte und sie. Nun sind sie hier. Niemand wird sie stören auf ihrer Bank.
Viktoria steckt die Zunge heraus. Die Kälte dämpft den Schmerz der Schwellung. Als sie sich zu dem Alten herum dreht, wundert sie sich über sein weißes Gesicht. Er bleibt stumm.
»Die Laterne«, flüstert sie, »die Laterne macht dich ganz blass, Papa.«
Auf seinem Arm sammelt sich herabfallender Schnee. Viktoria beginnt, mit zitternden Fingern Häufchen daraus zu schieben.
»Sahnehäufchen«, lächelt sie. Dann fliegt auch ihre Kraft davon.

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