gregor glück – teil 1


Ein Versuch ohne Romantik & andere schöne Gefühle 😉

1.

Er rieb seine Hände und zog die Strickmütze tiefer ins Gesicht. Heute war der Tag, an dem er sich die Villa von innen ansehen würde. Er blickte noch einmal durch den Feldstecher und suchte die Gegend ab. Der Herbst tanzte sein Solo in den letzten Zügen, und längst scharrten die Boten des Winters mit den Hufen und verlangten Einlass. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Wettergebeugtes Gras hatte der Bodenfrost mit Eiskristallen bedacht, die sich durch die höher steigende Sonne in Nebelschwaden auflösten. Eine knappe Stunde Fußmarsch entfernt im Osten lag das Dorf.
Gregor spielte in der Jackentasche mit dem Haustürschlüssel, den der Graf ihm gegeben hatte und kletterte vom Hochsitz. Vor ihm lag nun der Weg zum Anwesen, vor und hinter dessen Mauern sich Wald erstreckte. Von diesem Standpunkt aus war die Villa nicht zu sehen, auch nicht zu erahnen. Er blickte auf die Uhr und marschierte los.

***

Gregor war der einzige Traumfänger in der Stadt. Wenn es stimmt, dass jede Suche mit verloren gegangenen Träumen zu tun hat, dann musste man ihm diese Berufsbezeichnung nachsehen. Nur wenige Fälle ließ er ungelöst. Er brachte entlaufene Vierbeiner zurück, fand aus den Augen verlorene Gegenstände und Familienmitglieder oder er spürte nach vielen Jahren die erste große Liebe wieder auf. Das waren ihm die liebsten Aufträge. Wenn das gelebte Leben im Einerlei versank, verlangten die einst süß knospenden Gefühle derer, die sich dessen besannen, nach einem Recall und somit nach Gregor Glück. Ihr Schicksal lag in seinen Händen.

Sie vermissen etwas aus der Vergangenheit?
Ich finde es in der Gegenwart! Gregor Glück
fängt ihre Träume wieder ein; 0800-777777.

Seit mehr als drei Jahren platzierte Gregor diese Kleinanzeige in der Tageszeitung. Leicht hervorgehobener Hintergrund. Kursive Fettschrift. Das Geschäft lief mit einer Erfolgsquote von 95 % hervorragend. Bespitzelungen von Ehepartnern lehnte er kategorisch ab. Dramen kamen so gut wie nicht vor und betrafen lediglich die fünf fehlenden Prozentpunkte. Zu spätes Auffinden der verlorenen Träume, bedingt durch vorzeitiges Ableben derselben, waren die Hauptgründe. So auch vor zwei Monaten, als er eine Abgottschlange, ihm besser bekannt als boa constrictor, und zur selben Zeit das Kaninchen der Nachbarsfamilie finden sollte.

Natascha, die Abgottschlangendame, hatte sich für die Verdauung von Hubertus, seines Zeichens Zwergwidder, in das leere Planschbecken der vierjährigen Kaninchenbesitzerin verschanzt. Gregors Einsatz war es zu verdanken, dass dem Mädchen nichts geschah. Für den Hasen kam allerdings jede Hilfe zu spät.
Die Tränen der Vierjährigen waren unerträglich, der Schmerz der Eltern nicht auszuhalten und also verzichtete Gregor auf sein Honorar.

Dem Schlangenbesitzer hetzte er im Gegenzug den Tierschutz auf den Hals, was zur Folge hatte, dass eine von Interpol zeitgleich angelegte weltweite Großrazzia mit dem Einsatznamen CAGE auch in Gregors Heimatstadt ein Zugriff gelang. Die Abteilung »Verbrechen gegen die Umwelt« beschlagnahmte dabei in 32 Ländern mehr als 8.700 Vögel, Reptilien und andere geschützte Tiere und nahm rund 4.000 Verdächtigte fest, darunter Nataschas Besitzer. Von dem Hinweisbonus, den Gregor Glück von Interpol erhielt, kaufte er dem Mädchen einen neuen Zwergwidder. Der Rest kam auf die hohe Kante.

***

Sein neuester Auftrag hatte Gregor in die Pampa geführt. Er sollte zurückgelassene Besitzurkunden in einer leer stehenden Villa sicherstellen. Natürlich in einem Geheimversteck. Von dem keiner mehr so richtig zu wissen schien, wo es sich befand.
Die einstigen Eigentümer hatten während des zweiten Weltkrieges die Flucht ergreifen müssen, lebten in den Staaten und wollten nun vor ihrem Ableben für geregelte Verhältnisse sorgen.

In einem Dorf, das ganzen dreiundzwanzig Häusern Platz bot, besorgte Gregor sich auf Anraten seines Auftraggebers ein Zimmer. Es befand sich im Haus eines älteren Ehepaares unter dem Dach, wobei älter relativ war, denn, so hatte er es den Mitreisenden im Bus hierher entnommen, das Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung schien generell bei etwa achtzig Jahren zu liegen.

Der Hof der beiden lag am Ende des Dorfes, kurz vor Beginn des Waldgebietes. Das Ehepaar hielt einige Hühner, ein Schwein, eine Kuh, zwei Ziegen, ein Dutzend Enten und bestellte etwa einen Hektar Land.
Gregor gab vor, Schriftsteller zu sein und wegen einer Schreibblockade die Stille zu suchen. Den Grafen erwähnte er nicht.
Die zierliche Frau zeigte ihm in aller Stille die karg möblierte Kammer, erwähnte das dazu gehörige fließend Wasser – einem rostigen Ausgussbecken hinter der Tür – und die Vollverpflegung – morgens: Butter, Brot und Rübensirup, tagsüber: eine Thermoskanne Kaffee und Milchbrötchen, abends: Rübensuppe – und kassierte für eine Woche im Voraus.

Gregor brauchte einen Moment, um sich an die schwachen Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Bett und Schrank waren wurmstichig. Die Balken gefährlich gebogen. In dem groben Putz hing der Staub aus drei Jahrhunderten. Das goldgerahmte Bild über dem Bett zeigte Nebel und im Moor sterbende Bäume. Als Gregor sich auf die Matratze setzte, versank er zur Hälfte. Als er darüber seufzte, hatte er das Gefühl, das Haus würde ihn lachend berieseln. Farbsplitter landeten auf seinem Schoß, manche sahen aus wie Mäuseköttel. Über ihm scharrte und kratzte es deutlich.
Eigentlich hatte er sich mit diesem Auftrag Zeit lassen wollen, denn der Graf – so und nicht weiter hatte sich sein Auftraggeber ihm gegenüber vorgestellt – hatte für bemerkenswerten Vorschuss gesorgt, was ihm eine ruhige Herangehensweise ermöglichen würde. Aber unter diesen Umständen? Die Federn spotteten singend, als er aufstand.

Um seine Sachen zu verstauen, öffnete Gregor die Schranktür. Unerwartete spürte er, wie der Druck auf seine Hand sich unnatürlich verstärkte und ihn augenblicklich begraben wollte. Sofort riss er die zweite Hand empor und stemmte sich mit aller Gewalt dagegen. Die Tür drückte ihm auf Schulter und halb gegen den Schädel. Kurz hielt er die Luft an. Das schwere Teil hielt ausschließlich an der untersten Angel, die im Verhältnis zum Gewicht des Eichenholzes einem seidenen Faden glich. Er begann zu schnaufen. Das Gesicht vor Anstrengung zerknautscht, konzentrierte er sich. Langsam hob er die gefühlten zwei Zentner an und lehnte sich gleichzeitigen mit Schwung dagegen. Mit einem dumpfen Krachen verschwanden die Profile wieder im dafür vorgesehenen Rahmen, und er verriegelte die Tür mit der feststehenden Seite.

Langsam nahm er die Hände zu sich und sprang in sichere Entfernung. Das erwies sich als wenig klug, denn auf der Stelle hüllte ihn eine Staubwolke ein, aus der er sich laut hustend und nach Luft schnappend im hintersten Winkel der Kammer zu retten suchte.
Panisch riss und rüttelte er am Fenster. Luft. Er brauchte Luft.
Er fand den Riegel an der unteren Strebe, und endlich gab das Fenster nach und ließ sich öffnen, von den Scharnieren getragen, gerade so groß, dass sein Kopf hindurch passte und ihm der Nordwind erbarmungslos entgegenschlagen konnte. Egal. Er bekam Luft.
Nach einer Weile steckte er seine zitternden Hände in die Hosentaschen und lehnte sich gegen die Wand. Die Staubwolke war aus dem Fenster gezogen und zum Teil unter der Öffnung der Tür hindurch.

Sein Atem ging hörbar. Hinter ihm rieselte Putz. Die Mäuse flitzten wie zuvor über der Kammer, kratzten und scharrten und lachten ihn aus.
Er würde sich nach Werkzeug umsehen müssen. Angestrengt blickte er hinaus und glaubte im einsetzenden Dämmerschein die beiden Alten auf dem Feld zu erkennen. Stumm beugten sie sich in dunkelblauen Arbeitskitteln dem ländlichen Dasein. Hockten oder wühlten. Ein dunkles Etwas stand bei ihnen. Vermutlich ein Karren. Vermutlich die Rübenernte.
Der Horizont lag im Nebel. Richtung Westen bog sich das Schwarz des Waldes unter dem eisigen Wind, der ihm schon bei seiner Ankunft fast den Atem genommen hatte. Er seufzte erneut. Gregor Glück würde sich diesmal zum Einfangen der Träume warm anziehen müssen. In jeder Hinsicht. Er zog sich seine abgewetzte aber gut gefütterte Cordjacke über, dann verließ er über eine ächzende Stiege die Kammer.

In der Küche entdeckte er erfreut die tägliche Kaffeeration in einer blauen Thermoskanne. Daneben lagen unter einer Fliegenhaube zwei Milchbrötchen auf einem blauen Teller. Beides stand auf dem Abwaschtisch, einem Siebzigerjahre-Modell mit unter Sprelakatplatten verstauten Aluminiumschüsseln. Er hob die Haube, steckte den Zeigefinger in eins der beiden Brötchen und hinterließ ein gleichförmiges Loch.
Dann sah er sich genauer um. In der Mitte des Raumes stand ein einfacher Holztisch mit drei Stühlen. Plattgesessene Kissen in roten Strickhüllen lagen darauf. Der Raum war niedrig. Die Decke konnte er mit den Fingerspitzen erreichen. Eine Kugellampe hing über dem Tisch. Die Textilummantelung franste an einigen Stellen aus. Ihr vergilbtes Glas war, wie auch die beiden Fenster zum Hof, mit Fliegenschissen übersät. Auf den Fensterbrettern sammelten sich Leichen und ausbrummende Sterbende.

Das Geschirr war gespült. Es befand sich in einer der Schüsseln, die auf den Abwaschtisch gestellt worden waren. Ein löchriges Geschirrtuch lag darüber.
Über der Tür hing ein kleines Kruzifix. Die Uhr daneben tickte leise. Er folgte eine Weile dem roten Sekundenzeiger und zwinkerte, als der große Zeiger mit einem klickenden Geräusch auf die nächste Minute sprang.
Aus dem Stall klang das Schnaufen des Rindviehs. Er stand an der Tür, die in solchen Häusern zur Futterküche führt. Dazwischen hörte er zufriedenes Schweinegrunzen. Ein Hund, den er bisher nicht bemerkt hatte, schlug an. Unvermittelt ging die Tür auf.

FORTSETZUNG FOLGT … vor zu teil 2 –>

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