fliege verschieden


Vier Fliegen treiben auf dem Wasser. Eine zappelt. Drei liegen verschieden. Seit zwei Tagen hat den Trinknapf keiner angerührt.

Ellen kaut den letzten Fingernagel kurz und sieht in den Spiegel. Das Handtuch hat sie zum Turban gewickelt. Die Augen sind rot geweint. Tränen und vier Stunden Schlaf in zwei Tagen.
Wer macht so etwas? Und alles nur wegen des verfluchten Heißhungers auf Erdbeeren.

In der Küche zündet sie eine Zigarette an. Die Stadt schläft. Das Fenster ist angekippt. Nichtraucherwohnung. Von ihr selbst festgelegt. Vorgestern hat sie wieder angefangen. Hat vor dem Laden gestanden und nicht glauben wollen, was sie nicht sah. Dann hatte ihr dieser Schlipsträger eine angeboten. Hatte ihr die Panik wohl angesehen.
An die Arbeitsplatte gelehnt, wartet sie darauf, dass der Tabak wirkt und greift nach der kalt gewordenen Kaffeetasse. Ihre Hand zittert. Die letzte Fliege stirbt.

Ellen wählt die Nummer vom Tierheim.
Nein, keine Abgabe.
Gefunden auch nichts, nein.
Zur Zeit verschwinden viele Hunde und Katzen.
Ja, so ein weißer Transporter. Ja, es ist schlimm.
Sie legt auf. Tränen laufen ihr über die Wangen. Sie presst die Lippen zusammen. Ruhig bleiben. Heulen bringt den Schatz nicht zurück. Die Nachbarjungs haben ihr geholfen, Zettel zu verteilen. Was kann sie noch tun, außer Zettel aufzuhängen? Ruhig bleiben.

Während sie die nächste Zigarette anzündet, klingelt es an der Tür. Schatz? Eilig drückt sie die Glut aus, wischt sich das Gesicht trocken, zieht den Bademantel zusammen und öffnet.
Vor ihr steht der Schlipsträger. Kaum wieder zu erkennen. Er trägt lockere Jeans, einen Hoody, ein verwaschenes Cap, weiße Turnschuhe. Der Bart ist drei Tage alt. Die Haut gebräunt. Alles in allem … ja. Trotzdem ist er nur ein Mann mit verunglückten Blumen, der sie merkwürdig angrinst.
In der Wohnung gegenüber sieht jemand durch den Spion. Ellen bemerkt das Geräusch, das er dabei macht, nicht zum ersten Mal. Kurz sieht sie auf die Linse in der Mitte der Tür. Dann entfernen sich schlurfende Schritte.
Der Schlipsträger räuspert sich und spricht. Ich habe hier was für Sie. In der Hand hält er einen lädierten Margeritenstrauß. Leider …
Ellen sieht in fragend an, doch dann hört sie ein Hecheln und stürzt aus der Tür, schreit, weint, lacht. Schatz! Sie sinkt auf die oberste Treppenstufe und krallt sich ins geliebte Hundefell. Winseln, Hecheln. Sprünge und Kopfdrängen. Hundekussgestürme.
Oh, mein Schatz. Mein allerbester Schatz!

Minuten später löst Ellen die Leine vom Geländer. Wie haben Sie das gemacht? Ich verstehe nicht. Sie waren doch vor dem Laden. Ich erkenne Sie. Sie schüttelt den Kopf und strahlt.
Ich bin Hugo, sagt der Schlipsträger und rückt sein Cap zurecht, eigentlich sollte der Hund den Strauß im Maul tragen, aber Sie sehen ja selbst, was dabei herausgekommen ist.
Sie zuckt die Schultern. Kommen Sie erstmal herein, ich bin übrigens Ellen, und das hier ist Schatz.

Vier Fliegen landen im Ausguss. Zwei krabbeln an der Fensterscheibe über der Spüle. Die Sonne strahlt das Haus gegenüber an. Zwei Väter mit Kleinkindern tragen Bäckertüten unter den Arm geklemmt nach Hause. Ellen füllt frisches Wasser in den Trinknapf. Anschließend stellt sie die Espressokanne auf die Herdplatte. Die Tür des Nachbarn fällt ins Schloss. Sie wendet den Blick vom Fenster zu Hugo. Nehmen Sie Zucker?
Ja, Zucker. Und Milch, wenn Sie haben.
Er setzt sich auf die Couch. Schatz lässt sich von ihm den Kopf kraulen. Die Blumen stehen in einer Teekanne vor ihm auf dem Tisch.
Ich hab’s nicht so mit Schnittblumen, sagt Ellen, als sie seinen Blick bemerkt, ich mag es lieber, wenn sie draußen wachsen und nicht bei mir sterben.
Oh, das wusste ich nicht.
Woher auch?
Ja.
Also, wie haben Sie das gemacht?
Was?
Wo haben Sie Schatz gefunden? Was ein Zufall, dass ausgerechnet Sie, wir sind uns doch begegnet. Sie sind der Schlips… äh, der Mann, der mir die Zigarette angeboten hat.
Das muss eine Verwechslung sein, sagt Hugo rasch und zupft wieder an seinem Cap. Er legt die Hand in den Nacken, lehnt sich zurück und spricht betont gelassen. Ich habe die Zettel hängen sehen und … naja, ich sah ihn im Park, zwei Kilometer von hier. Er war sehr zutraulich. Hat sich streicheln lassen. Ich habe ihn mit nach Hause genommen und mir vom Nachbarn die Leine geborgt.
Ellen sieht ihn skeptisch an und denkt nach. Wieso die Blumen? Auf dem Zettel stand kein Vorname.
Aha, sagt sie und trinkt den Espresso, und dann dachten Sie, bringen Sie dem traurigen Besitzer auch gleich noch Blumen mit, oder was?!
Meinen Sie das ironisch?
Ironisch, sarkastisch, zynisch, suchen Sie sich etwas davon aus. Ich werde den Unterschied nie begreifen.
Wie meinen?
Entschuldigen Sie! Das klang wenig nett. Ich bin immer noch mitgenommen. Sie müssen verstehen. Schatz ist meine Familie.
Leben Sie alleine hier?
Wie bitte?
Ob Sie keinen Freund haben?
Äh. Doch. Manchmal. Also zur Zeit nicht, aber wieso … wo genau haben Sie den Zettel eigentlich hängen sehen?

Ellen betrachtet unruhig Hugos Gesichtszüge. Wenn er überhaupt Hugo heißt. Er lässt seine Kaumuskeln spielen und tut so, als bemerke er ihre Blicke nicht. Wie abwesend sieht er zum Fenster.
Was stimmt an dem Kerl nicht? Ihr Hund liegt langgestreckt zu seinen Füßen. Eine Fliege liegt verschieden auf dem Fensterrahmen. Die andere brummt und krabbelt über sie hinweg.
Plötzlich wird Ellen bewusst, dass sie immer noch im Bademantel steckt und nicht wirklich darauf geachtet hat, wie viel Einblick der zuließ. Erschrocken springt sie auf und zieht ihn zusammen. Was macht sie jetzt? Ihn rauswerfen? Unhöflich. Ihn sitzen lassen und sich anziehen gehen? Zu vertraut.

Hugo?
Ja?
Wollen Sie noch in Ruhe ihren Milchkaffee trinken? Ich müsste mich anziehen, vorsichtshalber setzt sie nach, eventuell bekomme ich noch Besuch. Wenn Sie fertig sind, können Sie ja einfach gehen. Und … äh, ich würde Ihnen gerne zeigen, wie dankbar ich Ihnen bin. Was halten Sie für angemessen?
Angemessen? Wenn es ihnen nichts ausmacht, kraule ich dem Riesen hier noch eine Weile den Kopf. Meine Hündin ist vor einem Jahr überfahren worden. Das ist das erste Mal, dass ich mich wieder einem Hund genähert habe.
Oh, das tut mir leid. Ja, also dann … streicheln Sie ihn noch. Ich bin gleich wieder da. Achso, die Leckerli sind da oben im Schrank.

Sie geht ins Bad und verriegelt die Tür. Auf dem Hocker neben dem Waschbecken liegt die Zeitung vom Vortag. Während sie, immer noch nachdenklich, den Gürtel löst, fällt Ellens Blick auf das Ende einer Schlagzeile, die am Rand hervorlugt. Sie angelt nach der Zeitung. Die Werbeflyer fallen zu Boden. Die Polizei sucht Hinweise. Jemand verschafft sich Zugang zu Wohnungen junger Frauen, in dem er deren vermisste Hunde auffindet, die er offensichtlich zuvor … die Opfer … Opfer? Ellen sieht zur Tür. Lauscht. Hat sie abgeschlossen? Opfer? Das Bad hat kein Fenster.

Minuten sind vergangen.
Geht es Ihnen gut? Hugo steht vor der Tür. Er klopft. Einmal. Zweimal. Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Ellen?
Das Bad hat kein Fenster. Die Opfer sind erwürgt worden. Kein Missbrauch. Zwei Dosen Hundefutter auf dem Kopfkissen verteilt.
Ellen?
Ihr Herz rast. Die Stimme streikt. Sie will antworten. Sie will nicht antworten. Das Rascheln der Zeitung dröhnt in ihren Ohren. Das Zittern der Hände hört nicht auf.
Geht es Ihnen gut?
Er klopft. Einmal. Zweimal.
Schatz? Schatz? Du hättest das doch spüren müssen. Du spürst doch, wenn jemand böse ist. Wieso hat das verfluchte Bad kein Fenster? Tränen wollen sich lösen. Denk nach! Denk verdammt nochmal nach!
Ich werde jetzt zu Ihnen rein kommen …
Nein!
Die Stimme ist zurück.
Nein … Atmen … nein, ich … komme gleich!
Ah … ich habe mir Sorgen gemacht … wo, sagten Sie, sind die Leckerlis?
Im Schrank. Ganz rechts im Schrank.
Hugo entfernt sich von der Tür. Ellen hört, wie er die Schranktür öffnet und schließt, wie er ruft und das Klacken der Krallen, als ihr Hund zu ihm übers Parkett läuft.
Sie schlüpft in ihre Unterwäsche. Zwängt sich in die Jeans. Schließt die Knöpfe der Bluse. Das kalte Wasser, das sie sich ins Gesicht klatscht, beruhigt. Nach dem Abtrocknen verdeckt sie die hektischen Flecken mit Make up. Sie zwingt sich zu ruhiger Atmung und sieht sich im Bad um, nach irgendetwas, mit dem sie sich sicherer fühlt, wenn sie gleich die Tür öffnet. Die Nagelfeile verschwindet in ihrer Hosentasche und sticht empfindlich. Sie stöhnt auf, als sie sich nach den Flyern bückt. Er hat seine Opfer erwürgt. Ihr Blick geht zum Gürtel ihres Bademantels.

Ah, da sind Sie ja. Ist alles in Ordnung?
Ja, danke. Alles okay.

Sie sitzen sich gegenüber. Nichts in seiner Nähe, was gefährlich aussieht, und nichts in seinem Blick, das ihn verrät. Die Nagelfeile sticht. Ellen greift nach ihrem Glas Wasser und nimmt sich eine Erdbeere aus dem Glasschälchen, das Hugo auf den Tisch gestellt hat. Bemerkenswert, diese Aufmerksamkeit. Smalltalk. Sie muss ihn in ein Gespräch verwickeln. Sagen Sie, wie war das mit Ihrem Hund, wo ist er überfahren worden?
Wo?
Hugo mustert sie, interessant, dass Sie das fragen, sagt er, auf meiner Einfahrt vor dem Haus.
Wie bitte?
Ja, meine Freundin hat sie … sie fuhr zu rasant rückwärts ans Garagentor.
Ihre Freundin? Oh, mein Gott, das muss schrecklich für sie gewesen sein.
Nicht schrecklicher, als für mich. Hanna war mein Liebling. Sie hat sie gehasst.
Ellen sieht ihn betroffen an. Er sieht so verdammt gut aus, nicht, wie sie sich einen Mörder vorstellt, und krault ihrem Hund den Kopf. Wieder liegt Schatz zu seinen Füßen. Er kann kein schlechter Mensch sein. Dumme Ellen. Er war vorhin nur nervös, weil du ihm die ganze Zeit deine Kurven präsentiert hast. Viele Männer wären da nervös.
Was halten Sie davon, wenn wir irgendwann gemeinsam spazieren gehen? Ich würde mich freuen, und mein Schatz sicher auch.
Er lächelt und das Lächeln erreicht seine Augen.
Er kann kein schlechter Mensch sein. Beim Nachbarn fällt erneut die Tür ins Schloss. An ihrer Tür klingelt es Sturm.
Oh, ist das Ihr Besuch?
Wie bitte?
Es hämmert gegen die Tür. Aufmachen! Polizei!

***

Endlich! Was für eine unfaire Scheiße wäre das auch gewesen? Alle Mühe umsonst. Er hatte schon geglaubt, das Arschloch würde ihm die ganze Chose kaputt machen, nachdem das Kalb am Park aus dem Auto gesprungen war. Hatte die Leine einfach durchgebissen. Und dann hingen da ausgerechnet die Suchanzeigen an jedem dritten Baum.
Seit dem Zeitungsaufruf wollte er schleunigst aus der Stadt verduften, aber er würde nicht umsonst in diese Wohnung gezogen sein. Die Übergabe hatte er für heute geplant. Und jetzt war die Töle schon zurück und er immer noch nicht in ihrer Wohnung. Wie gut, dass ihm der Anruf bei der Polizei eingefallen war. Von dem Lieferwagen würde niemand auf ihn schließen. Niemand kannte ihn. Er war ein Phantom. Aber der Schnösel würde eine Weile brauchen, um zu beweisen, dass es nicht sein weißer Hundefänger ist.

***

Als Ellen die Nagelfeile zurück an ihren Platz legt, klingelt es energisch. Hat die Polizei was vergessen? Die Freunde und Helfer. Gott sei Dank, dass die rechtzeitig kamen. Dass sie sich so getäuscht hatte in dem Typen, sie schüttelt den Kopf, am Ende hätte sie schwören können, dass der wirklich interessiert an ihr war. Auf eine gesunde und schöne Art und Weise. Kranke Welt. Sie sieht auf den Gürtel, der am Boden liegt, und lächelt. Der Rotwein zertanzt die Gedanken an ein mögliches viel zu frühes Ende und Hundefutter auf ihrem Bett.

Ich bin gekommen um Spuren zu sichern, sagt der Mann im Ganzkörperkondom, dem Ellen die Tür geöffnet hat, wir brauchen das für die Beweisführung.
Ja, natürlich, kommen sie rein. Das Gesicht kommt ihr bekannt vor. Vermutlich steckte der Mann vorhin in einer der Uniformen.
Er ist ein Hundefreund, sagt er, und stellt zwei Dosen Futter in die Küche. Zwei Fliegen setzen sich auf den Rand des Trinknapfs. Ellen versteht nicht ganz, aber nickt.
Könnten Sie den Hund trotzdem ins Schlafzimmer sperren, damit er mir nicht in die Spurensicherung tappst?
Äh, ja, selbstverständlich.
Irritiert führt sie den Riesen hinaus, bemüht, sich auf das Prozedere der Vorabendkrimis zu besinnen. Spusi, sagen die oft, die Spusi ist da … mit Hundefutter? Langsam zieht sie die Tür zu … langsam legen sich Hände um ihren Hals. Sie sind kalt. Dünn, wie Spinnenbeine. Keine Stimme. Die Beine knicken weg. Das Bad hat kein Fenster. Dumme Ellen. Schatz! Tränen liefen über ihre Wangen. Als er sich über sie beugt, erkennt sie die Augen. Es ist der Nachbar von gegenüber, der Unsichtbare mit dem Lieferwagen. Er schlurft von der Tür und zieht sie mit sich. Ihre Füße schlagen zappelnd aufs Parkett. Antriebsmotor im Todeskampf.

Eine Fliege treibt verschieden auf dem Wasser. Die andere brummt.