das sternenkind


Sie schiebt die Teelichter auseinander. Regen peitscht gegen das Dachfenster und ein Luftzug lässt die Flammen unruhig tanzen. Sie hat eins für jeden angezündet. Drei für die beiden Kleinen und sich selbst, eins für ihn und eins für das Ungeborene, das es gar nicht geben dürfte.

»Ich bin unfruchtbar«, hatte er versichert, »ich arbeite schon so lange in dem Chemiewerk. Viele von uns sind’s.«
Sie hatte mit ihm im Regen getanzt. Hatte ihm so nah sein wollen, wie es ihnen bis dahin nur durch den Chatraum gelungen war, den sie Séparée nannten.

800 Kilometer liegen zwischen ihnen. Auch heute Abend. Mit der Entscheidung bleibt sie allein. Wenn alle fünf Flammen bis zum Schluss brennen … Sie beobachtet ihr Flackern, legt die Hand dabei auf ihren Bauch, bis eine Ahnung in ihr keimt, die sie zittern lässt.

»Du hast doch zwei gesunde Kinder, setze das nicht auf’s Spiel!«, beschworen ihre Eltern sie, »was, wenn du nicht überlebst?«
»Sie sind ein Paradebeispiel aus dem Schulbuch der Onkologie. Vielleicht ist das ihr neuer Anfang. Sie wollten doch immer ein drittes Kind …«, setzte der Frauenarzt dagegen.
Ist es denn nicht einfach ein Geschenk?, dachte sie.

Sie geht ins Bad, sieht im Neonlicht ihr verqollenes Gesicht, lässt den Tränen freien Lauf. Wie kann das Leben mich vor diese Entscheidung stellen? Wo ich niemals auch nur einen Gedanken daran … nie!
Die Stimmen in ihrem Kopf hören nicht auf.
Denke an deine Kinder! Sie brauchen dich.
Ja, das tue ich ja. Nichts anderes tue ich seit dieser Nacht, in der ich nicht mehr wollte.

Die Medikamente hatten einen Zombie aus ihr gemacht. Sie hatte gekämpft, bis der Tod eines Tages das schillernde Gewand der Erlösung trug.
Danach folgte ein Aufbäumen gegen die eigene Schwäche und ein ICH, das um Gehör schrie. Doch das Leben, wie es vorher war, funktionierte nicht mehr. Alles ist doch wieder gut, riefen Ahnungslose in das Loch, in dem sie immer mehr versank.

Der Regen ist stärker geworden. Morgen wird das Laub auf den Straßen für einen gefährlichen Schmierfilm sorgen. Sie will sich darunter vergraben. Will die Entscheidung gegen ein Geschenk der Liebe nicht fällen. Und nicht gegen das LEBEN.

Um jemanden zum Reden zu finden, meldete sie sich bei einer Community an. Las still den Chat mit. Dabei traf sie auf ihn und wurde getroffen von einem Satz, den er in die Runde warf: »Man lebt nur einmal.«
Wer war das, und wieso dachte er so? Sie fand es heraus, sie fanden zueinander. Seelenverwandte. In der gleichen Sprache fragend, was das Leben noch bereit hält. Abermillionen Schmetterlinge flogen durch ihre Körper und ließen ihre Seelen Woche um Woche gesunden.

»Ich will keine Kinder. Das habe ich mit fünfzehn schon festgelegt. Mein Stiefvater hat mich und meine Mutter derart verprügelt, dass mir klar war, dass ich niemals Kinder in diese Welt setze.« Er war die 800 km gefahren, mitten in der Nacht. Hals über Kopf.
Sie standen mit verschränkten Armen in ihrer Küche. Zwei, die sich liebten und nicht dasselbe liebten.
»Aber du würdest erleben, dass es auch anders geht. Die Wunden auf deiner Seele könnten heilen …«

Sie kniet vor dem Dachfenster. Zwei Teelichter sind verloschen. Ich werde beide verlieren. Wenn ich mich seinem Wunsch beuge und mich gegen das Kind entscheide, wird er trotzdem gehen.

***

»Ihr Doktor hat uns einen Brief geschrieben«, sagt der Arzt der Klinik und greift die Sonde des Ultraschallgerätes, »dass der Embryo vermutlich gar nicht lebensfähig ist. Und sehen sie … es ist kein Herzschlag festzustellen«, er drückt ein paar Knöpfe, »machen Sie sich keine Gedanken, aus der medizinischen Indikation wird eine Fehlgeburt. Der Ablauf wird ähnlich vonstattengehen. Morgen sind sie dran.«

Die zwei Frauen auf ihrem Zimmer sind älter als sie. Beide sehen blass aus und aufgelöst. Beide frisch konfrontiert mit ihrer Diagnose.
»Sie haben das alles noch vor sich?«, fragt sie leise und wird in dem Moment von einer Dankbarkeit durchfahren, die den eigenen Schmerz verblassen lässt. Ich habe das hinter mir und hab überlebt, was für ein Glück!

Es ist eine Fehlgeburt. Es ist nicht lebensfähig, hat er gesagt. Sie entscheidet sich ihm zu glauben, ahnend, was in dem Brief ihres Doktors gestanden hat. Er hat für sie getan, was er konnte, ihr den Stachel aus der Brust gezogen. Sie wird eine Zeit der Trauer erleben, jedes Jahr im Sommer daran denken, wie alt es wäre, ohne dieses Schuldgefühl.
Es gibt immer jemandem, dem es schlechter geht als dir, dieser Satz spukt ihr durch den Kopf und ersetzt ihre Traurigkeit durch Mitgefühl für beide Frauen, die dem Monster noch in die Augen sehen müssen, mit der Angst vor dem Unbekannten. Mit dem Zeichen des Todes, das sich unausweichlich mit der Diagnose an die Seele klemmt und sich von dort nur langsam entfernen lässt. Sie gehören jetzt auch dazu.

***

Er hatte sich in ihr Bild verliebt. Eins, mit Kopftuch, auf dem ihre Brauen und Wimpern kaum nachgewachsen waren. Eins, das entstanden war, als sie sich mit ihren Kindern gerade auf dem Weg in ihr neues Leben befand.
Jetzt wird er kein Teil von diesem Anfang sein. Er hat sich davon gestohlen, wie ein Dieb in der Nacht. Am Tag nach ihrer Entlassung hat er am Telefon die Liebe kalt gestellt. Er wolle die Kontrolle über sein Leben zurück. Ohne diesen Gefühlskram.

Sie schiebt die Teelichter auseinander. In ein paar Tagen ist Weihnachten. Der Gedanke an das Fest der Liebe nimmt ihr für einen Moment den Atem. Sie schließt die Augen und zählt bis zehn, vorwärts, rückwärts, bis es wieder geht. Dann berührt sie das Dachfenster. Es hat angefangen zu schneien und dicke Flocken landen darauf, sammeln sich und rutschen an den Ecken herab. Sie fährt ihnen mit dem Zeigefinger nach.
Vier Flammen tanzen unruhig. Ihre Schätze schlafen, und das Sternenkind atmet gleichmäßig in ihrem Herzen, das viel Zeit brauchen wird.

 

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