nachts


Die Farbe verläuft. Zieht deinen Namen in den Dreck der Häuserfront. Der Wind hat mir den Arm mit Gold besprenkelt. Ich verstecke die Sprühdose hinter meinem Rücken, als ein Passant um die Hausecke kommt. Er bleibt stehen. Zündet sich eine Zigarette an. Kurz glüht sein Gesicht auf. Dann geht er auf der anderen Straßenseite weiter. An mir vorbei. Ich starre die Wand an, und meine Lippen formen, wo bist du? Schritte verhallen zwischen den Blocks. Ein Hund bellt. Ein Mann brüllt, Ruhe!

Das ist alles, was von dir bleibt. Ruhe. Die aus den Laken eines Bettes genauso brüllen kann. Wenn wenigstens der Hund bei mir wäre. Das Klacken der Sprühdose mischt sich in die abebbenden Schritte. Man soll gut schütteln. Die Metallkugel fliegt. Die Laterne flackert. Macht die Kälte rosa. Gold besprenkelt meinen Arm, den ich nur spüre, weil ich ihn bewege. Die Kälte hat alles absterben lassen. Deine Kälte. Und die der Stadt. Ab wann hast du mir nicht mehr zugehört?

Ich sprühe, bis ich leer bin. Lasse die Dose verschwinden. Sie fliegt im hohen Bogen über den Zaun auf die still gelegten Gleise. Es scheppert. Hinter einem Fenster geht Licht an. Rasch springe ich in den Hauseingang. Dränge mich an die Wand und warte ab. Ein Hund bellt. Ein Mann brüllt. Ein Jaulen folgt. Das Licht geht wieder aus. Dann ist es toten… hat er ihn erschlagen? So, wie wir den Alten erschlagen haben? Hast du mich darum verlassen? Aber wir mussten es doch tun.

Dein Name verläuft sich zwischen den Mauerblumen, die in Grautönen Nachtschatten bilden. Ich kann dich darin riechen. Ich rieche dich überall. Zigarettenstummel. Budenrummel. Eine Bude neben der anderen auf dem Markplatz gegenüber. Nur zwei Autospuren dazwischen. Altes Öl. Leere Pullen. Stullen mit Schmalz.
Und … hmmm Waffeln. Ganz deutlich Waffeln. In meinem Bauch sticht es. Wühlt von innen einer mit dem Messer rum. Ritzt Hunger.

Plötzlich sind die Stimmen zurück, und der Markt verblasst in meinem Kopf. Hunger bleibt. Die Stimmen hinterlassen kein Geräusch von Schritten. Zünden kein Feuerzeug. Sind einfach da. Fühlen sich wohl in der Nacht. Ich wünsche mich in mein Zelt. Habe vergessen, wo es steht. Sind die Stimmen da, ist die Nacht dünn wie Zeltplane, und ich habe Angst, dass sie mit ihren Messern die Seitenwände durchstechen. Den Reißverschlusseingang zerfetzen. Wollen immer sagen, wo es langgeht. Gibt dann kein Entrinnen vom Draußen für mich. Nie reden wir über dich. Nie wissen sie, ob du zurückkommst. Und alles bloß wegen des Alten. Ich will ihnen nicht zuhören. Denke schnell an die Diamanten im Wasser. Die Diamanten bleiben mir. Und dein Name. Ich halte mir die Ohren zu. Sehe Gold auf meinem Arm, das auch nur aussieht wie schillerndes Grau. Dunkles Silber. Morgen werden sie es von der Wand abwaschen. Auch von mir. Wenn die Stimmen schweigen. Wenn ich auf dich warte. Obwohl dann alles leuchtet.

Ich drehe mich um. Auf den Gleisen laufen Ratten. Ich erkenne ihr Rascheln und Geflitze durch meine Handflächen hindurch. Die Stimmen zischen, ich solle besser hinhören. Solle endlich das machen, was sie sagen. So, wie bei dem Alten. Hörst du? Ich musste es tun!
Dein Name verschwimmt. Die Buchstaben fangen an zu tanzen. Ich presse meine Hände fester auf die Ohren. Alles friert. Sie brüllen mich an. Von innen nach außen, bis meine Hände fliegen und meine Beine mich davon tragen. Weg aus der Straße. Blaulicht blendet. Räder quietschen mich an. Seid doch leiser. Alle! Blaulicht durch die Bäume. Brückengeländer. Die Gleise. Ich muss wieder in den Park. Ratten. Fahrradleichen. Ein einzelnes Schloss. Fest am Geländer. Meine Beine bindet keiner fest. Da können die Stimmen noch so laut … mich bindet keiner … und auf die Gleise springe ich auch nicht! Ihr spinnt doch alle! Ich hör nicht länger hin.

Seitenstraßenbierfahnen. Fasst mich bloß nicht an! Gegröle. Gestöhne. Hauseingänge. Huren. Es stinkt nach Pisse. Aufgerissene Müllsäcke. Ein Hund bellt. Ich muss in den Park. Ich muss zurück zu dem Hund. Steht da mein Zelt? Ich laufe. Laufe einfach, bis ich nicht mehr kann. Kurz vor dem Erdhügel muss ich anhalten. Luft – ich brauche Luft!

Ich beuge mich vornüber und stütze mich auf meinen Knien ab. Hinter mir steigt Nebel auf. Der Kanal atmet besser als ich. Endlich keine Gleise. Ich beuge mich so weit nach unten, dass ich zwischen meinen Beinen hindurchsehen kann. Ich höre meinem Atem zu. Er hebt mich auf und ab. Zuerst mehr. Dann immer weniger. Bis er leiser wird, dann flüstern die Stimmen mir wieder etwas zu. Ich will sie nicht hören, aber als ich mich aufrichte, erkenne ich den Hügel mit dem Gebüsch vor mir wieder und erschrecke. Ich weiß genau, wo ich bin. Dann riecht alles nach Benzin. Ich denke an das kleine Feuer. Leere Konservendosen. Vorfreude. Ich lausche, weil gleich der Hund freudig winseln wird. Wird mich wieder anspringen vor lauter Glück. War da nicht noch etwas Brot?

Es riecht nach Benzin. Nicht mehr nach dir. Das Feuer ist aus. Goldene Spritzer auf meinem Arm. Kein Hundegebell. Kommst du jetzt wieder zurück? Mir fällt der Alte wieder ein. Die Stimmen sprechen lauter. Sagen gemeine Dinge. Der Hund winselt nicht mehr. Nie wieder. Auch der Alte nicht. Beide werden für immer stumm bleiben. Er so wie der.
Meine Schuld ist es nicht, das hast du vielleicht gar nicht richtig verstanden. Ich musste es tun. Es war nicht richtig. Ein Tier kann nichts dafür. Man darf Tieren nicht weh tun. Er hatte noch nicht mal einen Namen. Ich kann das Benzin riechen. Und den Hund, der wie ein Braten zu Tisch ruft. Der Alte hatte Hunger. Aber es war nicht richtig. Da haben die Stimmen recht. Es war nicht richtig. Dabei hatte ich gedacht, wir wären Freunde. Auch, als es immer kälter wurde und der große Hunger kam.

Ich merke, dass ich weine, und denke an den Platz vor dem Kaufhaus. Er ist einfach mit mir mitgekommen. Hat sich gefreut, als ich ihn von dem Fahrradständer abgebunden habe. Kam einfach so mit. Man lässt ein Tier nicht ganz alleine zwischen den vielen Menschen. Und an der Straße. Da hat ein Hund Angst. Aber der Alte verstand nichts von Hunden. Jetzt liegen beide hinter dem Hügel. Gebüschbegräbnis. Hast du mich darum verlassen? Hörst du mir darum nicht mehr zu? Hast du es denn gar nicht verstanden? Willst du etwa … ich muss mich ausruhen, weißt du? Atmen, wie das Wasser.

Ich gehe ein paar Schritte. Langsam. Bis zum Geländer. Als ich mich dagegen lehne und auf den Kanal sehe: ein Schiff. Es fährt genau zwischen den Diamanten hindurch, die auf dem Wasser schaukeln. Ich stelle mir vor, wie du darauf stehst und mir zuwinkst. Ich bin zurück, wirst du rufen und mich nie mehr alleine lassen. Dann wird wieder alles nach dir duften. Ich sehe am Geländer entlang. Ich bin zurück, ruft die Frau am Ende des Weges, und beginnt in meine Richtung zu laufen. Wie jede Nacht. Ein Hund bellt. Ununterbrochen. Ein Fenster schlägt auf. Ein Mann brüllt, Ruhe! Der Mantel der Frau schlingt sich um ihre Beine. Fast stolpert sie. Mäntel sind nicht gut zum Laufen, denke ich und lache leise darüber, wie langsam sie ist. Was will die nachts im Park? Blaulicht. Reifen quietschen. Sie ruft mir einen Mädchennamen zu. Meine Kleine, hab ich dich gefunden!?

Die Stimmen brüllen, dass ich ihr nicht glauben soll. Nie wird jemand zurückkommen, der für immer ging. Hinter dem Hügel im Gebüsch ist noch jede Menge Platz. Hörst du mir zu? Der Wind hat meinen Arm mit Gold besprenkelt, aber die Nacht hat deinen Namen in den Dreck gezogen und die Farben gefressen. Dünne Nasen zwischen Mauerblumen gemalt. Und jetzt glänzt es auch nur wie dunkles Silber. Volle Nacht. Grau. Schwarz. Zwischen Blaulicht. Ich sehe aufs Wasser. Da ist kein Schiff. Mein Atem schweigt. Die Stimmen haben sich verkrochen. Haben gesagt, dass die Diamanten nur Lügen aus Sternen sind. Die Frau ist fast da. Ich bin viel zu nackt für deine Kälte. Und das Blut geht auch nicht richtig weg. Klebt in meinem Kopf und riecht nach Rost. Bevor die Sonne aufgeht, kommt die Müllabfuhr. Die im Hauseingang werden dann fertig sein, und alle ziehen sich an. Die ganze Stadt. Sie werden nach Kaffee riechen. Parfüms. Küssen. Vollen Flaschen. Autos. Lachen und dumme Sprüche. Liebe. Und die Ratten gehen schlafen. Wissen alleine, wie es wirklich ist.

Die Frau ist verschwunden. Ich sehe sie nicht mehr. Hat sich unsichtbar gerufen mit diesem Mädchennamen, so wie jede Nacht. Nur die Lichter, die auf dem Wasser tanzen, kann ich noch … ich denke an den Hund, der nie mehr bellt, und krieche ins Gebüsch.
Die Nacht ist mein Zelt. Ich werde nicht aufhören, auf dich zu warten. Mit Gold besprenkelt … so hoch meine Arme reichten. Ich träume von dem alten Gemäuer. Sitzen zwei Engel über der riesigen Eingangstür. Daneben dein wunderschöner Name. Die Sprühdose wird der Zug zermalmen, wenn die Sonne über den Gleisen nach oben steigt und ein Schattenspiel aus Zweigen malt. Für einen kurzen Moment sehen sie dich leuchten. Bevor sie deinen Namen wieder von ihrer Fassade waschen werden, Gott, weißt du, wie sehr ich immer noch an dich glaube?

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