schrei doch endlich!


Als die Schreie verstummt sind, dreht er sich auf die andere Seite. Immer dieses Gebrüll. Jede Nacht. Direkt in dem Zimmer unter seinem. Zuerst hatte er gedacht, das Kind solle das Durchschlafen üben. So hatten sie es mit ihm ja auch gemacht. In die Küche geschoben. Nachts. Wenn er nach Mutters Brüsten schrie.

Er knüllt sich das Kopfkissen zurecht und beobachtet den Schatten an der Wand. Der Mond wirft ihn durch die Linden vor dem Haus. Ob der Knirps auch so ein Bild über seinem Bett hat? Ihm hätte das als Kind Angst gemacht. Überhaupt wundert er sich, dass heute noch Eltern ihre Kinder schreien lassen. Jede Nacht. Seit Monaten. Bei seinem Enkelkind war das anders. Als es vor gut zwei Jahren auf die Welt kam, hatte er seiner Tochter geraten, dass sie es nicht zu einem Tyrannen erziehen und auch mal brüllen lassen soll. Doch sie hatte ihn angefunkelt und erklärt, dass niemand grundlos nach Nähe und Aufmerksamkeit verlange, ihr mütterlicher Instinkt sage ihr, dass sie ihr Kind auf den Arm nehmen müsse, wenn es weint. Heute wüsste man eben vieles besser.

Er tastet nach dem Wecker. Legt die Hände um das Ziffernblatt. Die grünen Leuchtpunkte und Zeiger verraten ihm, dass es zu früh ist, um aufzustehen. Wie lange dauerte es heute? Zwei Stunden, zweieinhalb? Jetzt ist alles ruhig. Und er ist hellwach. Hellwach mit Augen, die monatelange Schlaflosigkeit in die Welt sehen.

Vater, du musst etwas für deine Gesundheit tun, sagten die Kinder, als sie ihn zum ersten Mal so ausgemergelt sahen, du musst mehr an die frische Luft.

Das Rauschen einer Klospülung holt ihn aus den Gedanken. Das Plätschern bringt das Fallrohr im gesamten Haus zum Schlucken. Und seine Blase sendet Harndrang. Er rollt sich mühsam zur Bettkante. Als würde frische Luft gegen Kindergeschrei helfen. Jede Nacht. Nicht einmal er hätte das durchhalten können. War einmal kurz davor, hinunterzugehen. Hatte sich halb wahnsinnig vorgestellt, wie er die Türe eintreten, das Kinderzimmer aufsuchen und das Kind zu sich nehmen würde. Nicht um ihm die Hand auf den Mund zu pressen. Nein. Er könnte niemandem weh tun. Nur ruhig sollte es sein.

Er tastet sich zum Flur. Spürt die kalte raubefaserte Wand, die seit zwanzig Jahren bloß neuen Anstrich erhält. Vater, willst du nicht mal andere Tapete? Er wollte nie. Die hatten SIE doch gemeinsam ausgesucht. Wenn sie noch da wäre. Was sie wohl sagen würde? Zu den Schreien?

Er dreht den Schlüssel der schmalen Tür. Tastet nach der Schnur über den Fliesen. Zieht daran. Das Licht über dem Waschbecken flackert auf. Brennt in seinen Augen, die sich nur langsam auf die deutliche Umgebung einstellen. Nur nicht in den Spiegel sehen.

Er könnte stehen bleiben. Niemand da, der sich daran stört. Bei seinen Kindern soll er sitzen. Immer. Denk daran Vater, bei uns wird im Sitzen gepinkelt. Doch er ist zu müde für seinen inneren Rebellen. Und setzt sich. Die Augen fallen ihm zu, als er sich erleichtert. Sonst brüllt das Kind viel länger. Mindestens eine Stunde länger als heute. Er schüttelt sich leicht und säubert sich wie ein Mädchen.

Der Pyjama ist noch von ihr. Lag unterm Weihnachtsbaum. Es hatte immer Pyjamas gegeben. Oder Schals. Strümpfe. Er zieht die Hose hoch und schickt seine Schlaflosigkeit den Abfluss hinab.

Weit vornüber gebeugt wäscht er seine Hände. Beim Abklopfen des überschüssigen Wassers schlagen beide Eheringe gegen das Porzellan.

Du musst mehr an die frische Luft. Sagt sein Spiegelbild, dem er das Kinn kratzt. Mal wieder rasieren. Die grauen Stoppeln aus der zerfurchten Haut schaben.
Wie silberfellige Raupen sitzen die Brauen über dunklen Höhlen. Schlaf quillt aus den Augen. Die Tränensäcke sind geschwollen. Das Haar steht wie Gänseflaum.
Hastig trinkt er einen Schluck Wasser aus der hohlen Hand und löscht das Licht.

Die Dielen im Flur knarren, und beim Öffnen der Schlafzimmertür kreischen die Scharniere. Er hält inne. Irgendetwas stimmt nicht. Er konnte bisher die Uhr danach stellen. Um zwei fing das Kind an. Um fünf war es still. Und heute war es noch nicht mal vier gewesen. Sein Wecker geht richtig. Er hatte ihn aufgezogen, wie jeden Abend. Er sitzt auf dem Bett und lauscht. Angestrengt. Nun schrei doch. Und wenn es nur eine Minute ist. Oder eine Stunde. Aber schrei! Schrei doch endlich!

***

Es sind nur zwei Treppen. Sein Atem geht schnell. In Filzpantoffeln steht er vor der Wohnungstür der Nachbarn und horcht. Auch von Weihnachten. Auch noch von ihr. Orange mit braunen Streifen, die ein Karomuster ergeben. Hässliche Dinger, die er liebt.
Noch einen Moment, bis ihm das Blut in den Ohren rauscht, hofft er auf ein Zeichen. Als er die Hände auflegen will, spürt er, dass die Tür nachgibt und öffnet sie. Er erkennt die Schattenbilder des Vollmondes auf der Wand im Flur wieder. Irgendwo tickt eine Uhr. Das Brummen des Kühlschranks löst sein Ohrensausen ab. Warum stand die Tür offen?

Du brauchst mehr Schlaf, Vater. Geh unter Menschen und an die Luft!

Ja! Das könnte er machen. Könnte das Kind mit zum Spazieren nehmen. Später mit den Eltern einen Kaffee trinken, sich ihnen vorstellen. Der Wittwer von oben drüber. Gleich morgen. Oder nein. Besser gleich heute!

Er geht noch ein paar Schritte. Dann hört er Schluchzer. Leises Wimmern. Sehr leise. Jetzt ein Summen. Eine summende Mutter, die ihr Kind wiegt. So sieht er sie. Der Vater hatte wohl die Tür offen gelassen, als er in die Nacht floh. So musste es gewesen sein. Jetzt kauert sie da. Vor dem Kinderbett. Mondlicht auf dem Gesicht und monatelange Schlaflosigkeit. Ausgemergelt wie er. Die Augen in den dunklen Höhlen rot geweint. Er betrachtet sie wie ein Gemälde. Bleibt im Türrahmen stehen. Das Summen ebbt nicht ab und die Frau wiegt das Kind in ihren Armen. Ein wunderbares Bild könnte das sein. Es ist das Natürlichste, dass eine Mutter ihr Kind auf den Arm nimmt, wenn es weint. Denn es hat immer einen Grund.

Er sieht den Kopf des Kindes, der unnatürlich zur Seite fällt. Die Mutter beugt sich vor und küsst die blasse Stirn. Ein Arm rutscht herab. Hängt schlaff in der Luft. Sie nimmt ihn und legt ihn unter ihrer Hand zurück auf den Bauch des Kindes.

Ein paar Minuten steht er schweigend da und starrt auf die Stille vor ihrer Brust. Mit jeder werden seine Arme schwerer. Schwere, die seine Schultern nach vorn zieht, heftet sich wie Blei auch an seine Fersen, als er in das Treppenhaus zurück schlurft. Langsam zieht er sich die Treppe hinauf. Das Haus schläft friedlich. Du brauchst mehr Schlaf, Vater … So hat seine Tochter das gesagt.
Oben angelangt, zieht er sich an. Die Nacht ist so gut wie vorbei. Er geht aus dem Haus. Für etwas Luft.

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2 Gedanken zu “schrei doch endlich!

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