das hast du verdient


Der Morgennebel hängt zwischen hungrigen Stämmen. Kaum Sonne. Kein Regen. Der Winter wird sie bald austreiben lassen. Mit seiner Wärme, die global für Aufsehen sorgt. Die Blätter, die sich auf dem Pfad dazwischen angesammelt haben, sind längst braun und modrig. Der Zerfall nagt an ihnen, wie die Anonymität der Stadt an den Stimmungen der Menschen. Um diese Uhrzeit spazieren sie hier nicht hindurch. Um diese Uhrzeit stopfen sie sich in die Wagen der Bahnen, die sie an den Tag bringen sollen.
Bis auf die humpelnden Schritte des Mannes, ist nur das aufgeregte Hecheln seines Hundes zu hören. Hunderunde im Wäldchen. Inmitten der Stadt. Wie jeden Tag. Seine Schuhe sind klobig. Eine Sohle stärker als die andere. Der Klumpfuß etwas kürzer. Sein Krückstock bohrt Löcher in den Zerfall unter ihm. Er nimmt den Blick nicht vom Weg. Die Kapuze hat er tief ins Gesicht gezogen, als er plötzlich aus seinen Gedanken aufschreckt. Ein Jogger kreuzt von der Seite seinen Weg. Das Schild des Basecaps dicht über den Augen. Der Beagle zieht an der Leine. Bellt dem jungen Mann hinterher. Der hebt die Arme, sieht nicht zurück. Läuft weiter. Die Laute seiner Schritte verschwinden im Dunst. Der Beagle beruhigt sich. Der Mann folgt weiter seinem Weg. Bemerkt ein zerknülltes Kaugummipapier, das er mit dem Stock wegkickt. Die aufgerissene Handtasche am Wegesrand sieht er nicht.

***

»Ich muss los.«
»Bleib noch!«
»Nein. Ich muss. Hast du mal geguckt, wie spät es ist?«
»Aber ich will, dass du noch eine Weile neben mir liegst. Nur noch eine Stunde.«
Sie stellt sich ans Fenster und öffnet es, »die Luft ist schrecklich hier drin. So schrecklich, wie der Dunst da draußen. Es ist so schrecklich hässlich da draußen. Graue Wohnklötze können auch bei Sonne nicht schön sein.«
»Doch. Wenn die Bäume grün sind, ist es schön. Dann ist es ehrlich nicht so schlimm.«
»Ja. Kann sein. Grün macht was aus. Da kannst du recht haben.«
»Komm jetzt her! Mach das Fenster zu und komm her!«
Sie schließt das Fenster. Die Schulklingel dringt trotzdem hinauf. Gefolgt von den Stimmen der Kinder. Im Fernseher laufen Serien. Tüten mit bunten Pillen liegen in dem halboffenen Schubfach des Tisches. Zwei Schrippen vom Vortag oben drauf. Ein Glas Marmelade. Die Brezel warf er nachts aus dem Fenster, nachdem sie ihm sagte, dass Butter oder Schweinesschmalz für die braune Färbung sorgen. Seit einer Woche will er nichts mehr von Tieren essen.
Sie legt sich zurück zu ihm. Zieht die Decke über sich und schmiegt sich an. Sie trägt seine Jogginghose und ihr Shirt. Schmiegt sich an ihn. Küsst seine Schulter. Seine Brust.
»Du bist kuschelbedürftig, kann das sein?«
»Bin ich. Und es ist schön, dass du mich lässt, ohne dass du mehr willst.«
»Na, du kannst nicht gerade sagen, dass ich nichts von dir will. Das ist gelogen.«
»Aber wir haben einen Deal.«
»Haben wir.«
»Wenn du mich loswerden willst, musst du mich nur ficken.«
»Du rennst auch nicht weg, wenn ich dich ficken würde.«
»Wir haben einen Deal.«
»Aber du solltest mir nicht vertrauen.«
»Lass mich in Ruhe!«
Sie beißt ihm in den Arm und ihre Hand verschwindet in seiner Shorts. Er will sie wegschieben.
»Lass! Ich mache nichts weiter. Will sie nur da liegen haben.«
»Ich will nicht wieder geil werden.«
»Sollst du auch nicht. Will sie nur da liegen haben.«
»Wenn du neben mir liegst, reicht das schon.«
»Du wolltest doch, dass ich bleibe.«
»Blöde Kuh!«
Er schläft bis mittags. Dann trainiert er das an sich, was er für unwiderstehlich hält und studiert bis in den nächsten Tag. In seinen Lieblingsfilmen dreht sich alles um Koks.
Ich will jetzt nach Rio, sagt er plötzlich, und gutes, reines Kokain ziehen.
Sie ignoriert den Satz.
»Wenn wir nicht zusammen schlafen, wird es nicht so schlimm.«
Dabei spürt sie, wie er sich in ihr festbeißt. Wie eine Wanze hockt sein Bild in ihrem Kopf.
Milfhunter nennen ihn seine Freunde, und sie stünde auch auf seiner Liste, könne gar nicht anders, weil er so toll ist und sie seine Gesellschaft wolle.
»Ich finde es selber blöd. Aber ich kann nicht anders. Es verschafft mir Befriedigung, wenn ich einer das Herz breche.«
»Wir könnten eine Menge Spaß haben, aber du bist ein Arschloch.«
»Ja, aber das wollt ihr ja so.«
»Weißt du was, ich gehe jetzt. Mir reicht dein blödes Gequatsche.«
»Nein! Bleib da. Ich versuche, es diesmal anders zu machen.«

***

Absperrband bringt Farbe in ein Waldstück. Es flattert geräuschvoll. Die Medien warnen vor orkanartigen Böen. Die Uniformierten pressen ihre Hände auf die Kopfbedeckungen. Laufen gebückt unter den Zweigen hindurch. Zwei mit Hunden suchen nach Spuren. Der Beagle hat aufgehört zu bellen. Der Mann mit dem Klumpfuß wird ärztlich versorgt. Er hat einen Schock. Die Gerichtsmedizin trifft ein.
Entfernt vom Spazierpfad liegt der Körper einer Frau. Ihr Gesicht ist unkenntlich entstellt. Ihr Unterkörper liegt entblößt. Das, was von ihm übrig ist, stinkt nach rasender Wut und Gewalt.

Als sie auf dem Rückweg waren, habe der Hund nicht aufgehört zu ziehen und zu bellen, und er habe ihn nicht mehr halten können. Nein, ihm war nichts aufgefallen. Nur ein Kaugummipapier. Das war bestimmt von diesem Jogger. Ach ja, der Jogger, den habe er vorher noch nicht hier gesehen. Aber das war ja vor zwei Stunden. Das kann ja damit nichts zu tun haben. Einer ruft, dass da eine Handtasche liegt.

***

Was willst du, schnaubt sie ins Telefon. Hören, was du machst, antwortet er. Er ist fertig mit dem Sport. War duschen. Sie könnte jetzt wieder kommen.
Damit du mich wieder volllabern kannst, fragt sie aufgebracht, mir deinen Größenwahn vortanzen? Was er sich überhaupt einbilde, so sicher wissen zu wollen, dass sie ihn immer wieder sehen will. Das mache sie wütend. Da warten auch genug andere.
Aber die sind nicht so toll, wie ich, lacht er laut. Kann sich kaum halten. Du würdest alles machen, was ich dir sage, ALLES, sagt er und lacht weiter.
Ich hatte gute Lehrer, schreit sie fast. Tränen vor Wut. Herzensbrecherschule. Zieh mich an und stoß mich weg. Wie eine Droge. Gib mir Küsse zwischen den Schlägen. Melde dich einfach nicht. Schieße Feile ab und gehe in Deckung. Belüge mich. Mit Süßkram. Sei sparsam mit der Liebe. Nimm sie mir ganz.
Weißt du, was ich bei denen gelernt habe? Ihre Stimme wird ruhiger. Zielt kalt, wohin sie treffen will. Kerle sind Mädchen. Die eigentlichen Mädchen, seid ihr Kerle. Zu feige für die Wahrheit und zu feige für Gefühle.
Er bleibt still, nur sein Atem ist zu hören. Ganz ruhig klingt seine Stimme, als er spricht. Ruhig und bedrohlich zu gleich. Für solche Aussagen hast du genau das verdient, dann legt er auf.

***

Sie zerquetschen dir liebkosend das Herz. Sie nehmen dein Vertrauen. Sie begegnen dir, wenn du allein bist. Lauern dir auf in geschlossenen Räumen und in der Weite der Stadt. Irgendwann läufst du nicht mehr davon. Irgendwann verlieren Gespenster ihren Schrecken und du gibst ihnen, was sie von dir wollen. Und du wetzt heimlich deine Messer mit einem Lächeln.
Vielleicht findest du eins, das dir Angst und Schutz gleichermaßen ist. Hältst stiller bei ihm, als zuvor, weil es dich vor anderen schützt. Bis du hinter sein Geheimnis kommst. Bis du begreifst, dass es dich nur ängstigt, weil es viel schwächer ist als du. Bis du dich auflehnst und dafür zu Boden gehst. Wo du trotzdem nicht zerbrichst, weil du ihnen nie wieder geben wirst, was sie von dir wollen. Bis dahin hast du viel gelernt, und du weißt, was sie sind, und du kannst sein wie sie. Und du tanzt deinen Tanz. Mit einem Lächeln …

Sie schließt das Notizbuch, legt den Stift beiseite und öffnet das Laptop. Der Tee ist längst kalt. Twitternachrichten. Eine junge Frau ist heute Morgen tot in einem Waldstück aufgefunden worden. Ein Spaziergänger habe sie entdeckt. Gesucht wird als Zeuge der Jogger, der heute Früh … Moment, welches Waldstück? Das ist gruslig, denkt sie, da bin ich doch gestern Nachmittag auch langgelaufen. Als Zeuge ein Jogger? Aber das kann er nicht gewesen sein. Um diese Zeit schläft er noch. Sein Tag beginnt mittags. Aber ja, dort läuft er jeden Tag.
Sie will ihn anrufen, dann fällt ihr das Telefonat vom Abend wieder ein. Ihr fällt ein, dass das Klarste, was sie von ihm weiß, sein treibender Hass auf Frauen ist, mit dem er grinsend kokketiert, um den Schrecken zu nehmen. Hat ihr erzählt von der, die sein Herz brach, und dass er es jeder heimzahle. Hat die Wut auf seine Mutter erwähnt. Seit zwanzig Jahren weiß er nichts von ihr. Hat ihr Bild längst vergessen, für das, was sie ihnen angetan … Seine Stimme klang kalt gestern … du hast genau das verdient. Ihr Herz rast. Ihr wird schlecht. Sie legt das Handy wieder weg. Sie muss ihn vergessen. Und er muss sie gar nicht neu verletzen. Es genügt, dass er sie an Vergangenes erinnert hat. Denn die am Herzen waren, sind nicht aus dem Kopf zu bekommen. Wie eine Wanze sitzt er hinter ihrer Stirn. Twitternachrichten aus. Sie schließt die Augen und vermisst seinen Mund.

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