die lichtung


Der Moment, in dem du hinter deinen Händen bleibst. Fingerspitzen gegen die Augäpfel gedrückt, getrennt nur durch zuckende Lider. Sterne sehen. Die Mulden der Handflächen wärmen deine Wangen. Die Nasenflügel wehren sich bei jedem Atemzug, der hektisch um dein Leben ringt. Den Mund zusammen gepresst, bleibst du hinter dem einzigen Schutz, den dein Körper dir bietet. Geborgenheit in der letzten Minute, in der du Körper bist. Der Moment, in dem du erkennst, dass es keine Rettung mehr gibt.

***

Nach dem Streit bin ich durchgedreht. Man wird es an den Spuren sehen, die ich hinterlassen habe. Tiefe festgefahrene Spuren. Oben am Berg. Bevor der Wald anfängt. Ich hatte auch unbedingt so lange bohren müssen, bis ich die Wahrheit erfuhr. Es birgt immer eine Gefahr nach Dingen zu fragen, ohne sich darüber im Klaren zu sein, ob man die Antwort verträgt. Ich vertrug sie nicht. Ich übergab mich spontan und griff nach dem Wagenschlüssel.

***

Der Morgen graut, und das Gespräch im Bett graut mir durch den Kopf. Regen peitscht von der Seite. Der Anstieg nimmt Tempo. In den Kurven gebe ich Gas. Ich schrecke auf bei Gegenverkehr und fluche mit den Lichthupen. Nach der letzten Kehre reiße ich die Handbremse hoch. Lenke gegen und komme in entgegengesetzter Richtung zum Stehen. Der höchste Punkt ist erreicht. Mit ihm die letzte Ausfahrt, bevor es ins nächste Tal hinunter geht. Wie ein schwarzer Fleck liegt der kleine Platz vor mir. Aufgeweichte Erde zwischen nebelbedeckten Feldern. Karge Stoppelflächen voller Stillstand. Die Reifen versinken in den Furchen der Landmaschinen. Drehen durch, als ich meinen Standort korrigieren will. Drehen durch mit meinen Gedankenfetzen. Das Handy blinkt in der Ablage. Sechs Anrufe. Wo bist du?

Ich bin nicht mehr. Die Autotür hinterlässt das einzige Geräusch, denn die Welt hier oben schläft. Nebel und Wolken hängen zum Geschwader vereint auf der Anhöhe. Im Kampf gegen jede Aussicht. Dem Regen fehlt es an Fallhöhe.
Ich lehne mich an den Wagen und spüre, wie mein Körper sich nimmt, was er braucht. Atem. Stille … und Atem. Tief ein und aus. Das Atmen nie vergessen.
Langsam werde ich ruhiger, und die Stille klingt auf einmal wie das Rauschen eines entfernten Zuges. Wie zeternde Krähen. Wie Kühe, denen das Euter zu platzen droht. Schön ist es hier. So schön, dass die Worte aus seinem Mund langsam ins Vergessen driften. Sei schöner, du Vogelgezeter, und reiße mein Herz so schnell du kannst an dich.

In der Ferne muss der Wald liegen. Ein Stück weiter oben. Ein kaum auszumachendes dunkles Gebilde im Dunst. Wie hat er diese trockene, stocksteife Person überhaupt anfassen können? So anfassen. In mir steigt Ekel auf, und ich stoße mich vom Bullenfänger ab. Die Hände sind voller Dreck. Das Herz bleibt im Wagen. Schweigend zuckt es neben dem Handy, zu keiner Antwort bereit. Nur den Schlüssel stecke ich ein.

Ich will nicht zurück. Nie wieder. Bin bereit für das große Weitweg und folge dem Dunkel zu meinen Füßen. Klarheit verloren, den offenen Mantel um mich geschlagen, die Mütze über den Ohren, peitscht mir der Nordwind erbarmungslos ins Gesicht. Sein Pfeifen ersetzt den Hall der Stille. Erfrieren muss ein schrecklicher Tod sein. Schneller. Ich muss mich schneller bewegen und die Glieder warmhalten. Stramme Schritte setzen zwischen Nebel- und Wolkenfelder, die wie festgekrallt auf den Ackerflächen hocken. Jeder klingt, wie das Schmatzen der Moorhexe. Wenn sie in den Kuhlen hockt und sabbernd auf uns wartet. Bald ist alles an mir klamm und das Gehen fällt schwerer.
Was ich mir erhoffe, weiß ich nicht. Es zieht mich aussichtslos. Lautlos. Nur Gefühl treibt mich an. Die Angst schläft. An manchen Tagen spürten wir die hässliche Alte an unserer Seite. In den Nächten ließ sie uns aus den Betten fallen. Wir trauten den Erwachsenen nicht, die uns einreden wollten, es gäbe sie nur im Märchen. Wir hatten sie doch schmatzen hören damals, als Kai im Strudel am Wehr ertrank. Ich hauche meine Hände an. Nass und kalt ist eine tückische Kombination. Genauso wie dumm und frech. Die Alte war gehässig. Dumm war sie nicht.
Über mir setzt der Milan einen Schrei ab. Und noch einen. Sehen kann ich ihn nicht. Wieder höre ich die Antwort. Höre mich fragen. Greife aufgewühlt den Autoschlüssel. Wieso kann ein Ort kein Mantel sein? Ein Ort, der in Liebe festhält. Der keinen Ausweg lässt. Hingebung soll er einfordern bis zur Auflösung. In letzte Atemzügen. Kein eigenes Denken mehr. Nie wieder Grübeln. Nie wieder fragen. Kein Warum. Kein Wie lange. Kein seit Wann.

Endlich löst sich die Wand vor mir auf. Die Schwaden werden löchrig. Die Löcher erinnern mich an einen Kopf, dessen Körper am Tropf hängt, weil ihm Zellgifte nehmen sollen, was sich rasch mehren will. Erinnern mich an das Bild eines, dem ich nie ähnlich sehen wollte. Ich wollte nicht, dass sich die Wärme auf meinem Kopf langsam auflöst und immer dünner und löchriger wird. Wollte ihr nicht lethargisch nachtrauern. Nein! Meine Nebelschwaden sollten in Bahnen verschwinden. Mit einem summenden Geräusch. Ratz. Fatz. Ab damit! Für freie Sicht auf den Asphalt … aber das hier war kein Asphalt. Es war Geräusch dämpfende weiche Erde. Im Wechsel mit schmatzendem Grund, der es schaffte, meine Füße festzuhalten. Da, wo Furchen Wasser sammeln.
Der Boden ist schwarz, wie das verkohlte Herz meines Bruders, als sie ihn aus dem Haus trugen. Die Löcher auf seinem Kopf kannte nach dem Brand niemand mehr. Und seine Gedanken sprachen nur zu mir. Ich hatte es ihm versprechen müssen. Ich hasste ihn dafür. Ich hasste, dass ich ihn so liebte, um ihm ein Versprechen zu geben, für das die Moorhexe mich in den folgenden Jahren täglich heimsuchen würde. Abends ließ sie mich ein paar Stunden aus ihrem Loch. Bevor der Tag begann versank ich wieder. Ich war zwölf. Ich hatte es ihm versprochen. Verbrennen muss ein schrecklicher Tod sein.
Weiß, wie der Nebelflaum auf seinem Kopf einmal war, verschwinden die letzten Reste ins Nichts, und während sich hier und jetzt meine Augen an das Dunkle gewöhnen, sehe ich ihn endlich vor mir stehen. Endlich höre ich sein Rufen. Ein Rauschen. Ein Pfeifen. Klopfen und Rascheln. Ein Knacken und Knistern. Dazwischen das Flüstern. Die Tannenspitzen biegen sich im Wind. Verneigen sich fast. Nur noch ein kurzer Blick nach rechts. Stacheldraht grenzt mich von den Wiesen aus. Ich sehe Rinder wie riesige Maulwurfshügel dahinter liegen, über ihnen lassen Wolken leuchtend blaue Risse zu, die Sonne lässt sich ahnen … doch der Wald ruft und endlich trete ich ein.

***

Es braucht wenige Schritte, bis er dich verschlungen hat. Bis du dich umsiehst und keine Richtung mehr hinausführt. Bis Mooskissen dich zur Rast einladen, um laut lachend ihren Wasservorrat in deiner Kleidung zu entladen. Der Specht applaudiert zackig ins Holz. Rechts oben trommelt er. Antwortet links hinten. Der Wald ist erfüllt vom Hall der Spechte. Sie lachen. Lachen. Dabei kitzelt die Sonne in winzigen Punkten deine Augen, wenn du dich auf der Stelle drehst und zwischen den Wipfeln den Himmel suchst. Doch da ist keiner mehr. Bist du erst verschluckt, wird nie mehr Himmel sein. Also senkst du den Blick und fängst die Tautropfen an den Spitzen der Farne. Fängst den Regen an den Enden der Zweige, die sich in deine Nähe wagen. Der Regen, fällt dir ein, und du hebst erneut den Kopf, um dich zu erinnern, dass die Sonne ihn verdrängt hat. Die Spechte. Hämmern. Hämmern. Aufgewühlt läufst du. Willst eine Lichtung. Ein Ende. Irgendwo muss ein Ende sein.

***

Stundenlanges Folgen und Zurückfindenwollen. So tief ins Innere bin ich geraten, dass die Welt draußen verschwindet. Kein Strahl hat hier jemals den Boden berührt. Es riecht nach Moder und Fäulnis. Buchstaben reihen sich zu Fragen aneinander. Sie fliegen vor mir her. Auf welcher Seite wächst an Bäumen Moos? Machen Fliegenpilze Halluzinationen? Stirbt man sofort daran? Aus welcher Richtung kam das Knacken? Sind es Schritte? Morsche Zweige, die auf Waldboden dem Gewicht des Unbekannten geräuschvoll nachgeben?
Ich frage stumm und warte darauf, dass das Unbekannte antwortet. Der Wind pfeift über mir. Wieder knackt Geäst in meiner Nähe. Erschrocken greife ich an den Baum zu meiner Rechten. Meine Finger krallen sich in seine Rinde. Rotbraune Schuppen. Feucht und kalt. Als das Knacken bleibt, drehe ich mich ruckartig ganz zu ihm um, lege meine Arme um den Stamm und presse mich in meiner Angst so fest dagegen, dass mein Gesicht aufschrammt. Der Schmerz zieht vom Auge bis zum Kinn. Trotzdem lasse ich nicht los. Ich kann meine Fingerspitzen berühren. Das Knacken bleibt. Kommt rhythmisch näher. Mein Atem wird schneller. Kai hat nach den Wurzelballen gegriffen. Wir lagen auf dem Bauch. Die Ballen zerrissen. Der Sand fiel heraus. Wir reichten unsere Hände, die viel zu klein waren, um die Moorhexe am Fressen zu hindern. Sie war nicht nur gehässig. Bei Kai wurde sie böse. Wir hatten den Weg verlassen. Das Wehr zu betreten war verboten. Sie zog an ihm. Er schluckte Wasser. Wir schrieen ihn an. Sie zog weiter. Bis sein Kopf nicht mehr auftauchte. Da lagen wir noch auf dem Bauch. Nass vom Boden. Nass und stinkend von unserer eigenen gelben Angstjauche.
Plötzlich hören die Geräusche auf und hinterlassen nichts als unheimliche Ruhe. Ich lausche. Nichts geschieht. Ich strenge mich so sehr an, wie man sich nur anstrengen kann, wenn man etwas hören will, dass es nicht gibt. Wie der Atem eines, dessen Mund zum letzten Mal weit offen steht. Dessen Hand kühlt schnell ab. Dann verliert auch der Arm an gewohnter Wärme. Alles kühlt ab auf Zimmertemperatur, während vor dem Fenster die geliebten Rosen weiter blühen und sich zur Sonne recken.
Ich sah ihre Blätter im Wind zittern. Als winkten sie ihm zu. Meine Hände folgten ihnen im Takt, als ich ihn berührte. Sie banden ihm das Kinn fest. Die Zähne lagen auf dem Tisch. Die eingefallenen Wangen färbten sich dunkler, umso heller die Haut vom schwindenden Blut zurück gelassen wurde. Ich gab Großvater einen Kuss, als er so da lag. Großmutter überließ ich anschließend ihren Tränen. Nach der Sache mit meinem Bruder hatte sie mich längst vergessen.
Endlich beruhigt sich auch der Wind mit mir. Keine bedrohlichen Geräusche mehr. Nur der Gesang eines einzelnen Vogels. Erleichtert lockere ich meine Arme. Lasse die Kiefer los. Du musst weiter, sagt mein Bruder. Und mein Großvater streichelt mir mit tiefhängenden Ästen über den Kopf. Irgendwo lacht Kai.

Der Wald scheint sich zu lichten. Mit jedem Schritt habe ich das Gefühl, dass die Dunkelheit hinter mir zurück bleibt, obwohl der Himmel sich immer noch nicht zeigt. Mir fallen Tiere auf. Hasen, die mich mümmelnd im Visier haben. Eichkatzen, halb hinauf geklettert, halten inne und sehen mich an. Drei Rehe hinter einem Gebüsch, den Hals aufrecht, bewegungslos starrer Blick in meine Richtung. Meine Beine bewegen sich von allein.
Nach einer Weile veränderte sich das Bild des Waldes erneut. Die Baumkronen ragen höher hinaus. Ihre Stämme werden dicker. Viele Bäume liegen umgestürzt dazwischen. Sie enden an Wurzeln, die wie mächtige Wagenräder empor ragen, als gehörten sie zu dem Gespann eines Riesen. Groß wie Hauswände. Stämme eines Märchenwaldes. Dazwischen Moosfelder. Farne, die mich in der Höhe überragen, wie er es wollte, damit ich ihm diene. Gestörter Gott. Schmorend im eigenen Saft seiner Perfektion. Bis er an seiner geblufften Größe erstickt ist. Ich greife nach den Wagenschlüsseln in meiner Tasche.

Ein kleiner Bachlauf kreuzt meine Richtung. Ich nehme Anlauf, obwohl ein Ausfallschritt genügen würde. Über mir kreischt etwas wie im Überlebenskampf. Aufgeregtes Flügelschlagen, während ich abspringe. Ich sehe nach oben und gerate beim Aufkommen ins Stolpern. Beim Fallen streife ich mit dem Kopf eine senkrecht stehende Wurzel, die hoch wie ein Laternenpfahl ihr Ende noch in der Erde versteckt. Reflexe drücken meine Arme nach vorn, der Mantel fliegt auf, und ich lande auf einem umgestürzten Baum. Dabei brechen unter meinem Oberkörper Zweige, und die übrig bleibenden Stümpfe pressen sich durch den Stoff meines Pullis ins Fleisch. Der Schmerz zieht bis in den Rücken. Das Kreischen verstummt. Nur der Schreck sitzt mit der Moorhexe lachend in meinem Nacken und hält mich fest. Ich wehre mich nicht. Ich liege auf dem Stamm wie nach erschöpfender Liebe und schiebe meine Hände in die Risse seiner Haut. Nie empfand ich mehr Geborgenheit, als in diesem Moment. Zweige streicheln mir erneut über Kopf und Rücken. So, wie er es bei den anderen tat, von denen er log. Sie haben ihn genießen dürfen. Seine Schatten trug er danach zu mir. Jetzt erstickt er an seiner Größe. Ich weine still, fühle mich kraftlos. Ich spüre ein Jucken im Gesicht und auf meiner Brust. Nach einer Weile schlafe ich ein.

Als ich zu mir komme, ist es heller. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Umgebung, und ich sehe hinter den Büschen eine Lichtung. Zwischen den Sträuchern stehen kleine Birkengrüppchen. In ihren Blättern flirrt die Sonne. Die Häute der Stämme glänzen seidig, während fette schwarze Wollstricke sie erwürgen wollen. Überrascht versuche ich einzuschätzen, wie lange ich geschlafen habe. Der Vogelgesang klingt nach Aufwachen am Morgen. Kann das sein? Ich habe mich noch keinen Zentimeter gerührt, seit ich die Augen geöffnet habe. Zwei Schmetterlinge necken sich vor meiner Nase und ich wundere mich über die Ameisenstraße, die über meinen eingeschlafenen Arm führt, genauso, wie über das unerklärliche Summen, das hinter den Büschen zu fliegen scheint. Mein Körper hat jegliche Erinnerung an sein Bewegungssystem verloren, und meine Augen sind das einzige an mir, das sich flatternd um Orientierung müht. Noch habe ich keine Idee, wie ich aufstehen soll, ohne die Bataillon Waldsoldaten zum Angriff zu motivieren. Immer wieder halte ich den Atem an. Durst brennt erbarmungslos in meinem Hals. Ich erschrecke, als jemand spricht.
»Frischfleisch. Seele. Wenn du es schaffst.«
Geräusche in Wortform aus einem der Büsche. Rascheln und Rauschen in Gestalt einer wispernden Stimme. Fanatische Freude. Unterzuckerung und fehlendes Wasser. Überanstrengung. Ängste? Erinnerungen? Am Ende war es nur der Wind.
»Frischfleisch. Seele. So viel gute Seele. Schwarz auch, wie die Nacht. Wenn du es schaffst.«
Ich starre auf meinen Arm. Die Zweige streicheln weiter meinen Rücken.
»Wenn du dich bewegst, bis du tot.«
Mit einem Kloß im Hals, fixiere ich die Ameisenstraße, und vor lauter Bemühungen stillzuliegen, habe ich das Gefühl, alles an mir zuckt und zappelt.
»Immer dasselbe mit euch Menschen.«
Menschen? Ich sehe abwechselnd zu den Büschen und auf meinen regungslosen Arm. Ich will es nicht hören, und ich will antworten …
»Ihr trampelt alles nieder. Kein Verstehen von der Welt hinter eurer.«
Zement gewordenen Wortbilder pressen sich auf meine Lungen, die ums Überleben hecheln. Die dicken schwarzen Geschöpfe tragen Tannennadeln, tote Käfer, Teile von Zweigen. Sie überholen sich. Krabbeln übereinander. Laufen aneinander vorbei. Entgegensetzt. Wie die Besucher und Pfleger auf dieser scheiß Station. Die Kahlköpfe liegen daneben auf den Pritschen im Flur, weil die Zimmer überbelegt sind. Bettenmangel. Aber die Transfusionen müssen laufen. Beutel mit Blutspenden oder Gift an jeder Pritsche.
Mein Bruder kotzte sich die Eingeweide aus dem Leib. Doch die Moorhexe erlöste ihn nicht. Ich musste das tun. Vorher nahm mich niemand wahr. Nicht auf der scheiß Station. Nicht zu Hause. Da war ich nur gesund und nur die kleine Schwester. Aber sein Plan funktionierte nicht auf der scheiß Station.
Keine von den Ameisen nimmt meine Blicke wahr.
»Frischfleisch. Seele. Jetzt werden sie dich zertrampeln.«
Wie sollte das gehen? Ich werde nicht schrumpfen und sie nicht zu Riesen werden. Sie krabbeln übereinander. Laufen aneinander vorbei. Bepackt mit … da höre ich ein leises Grollen. Und bald erschüttern Hufe den Boden. Berstendes Geäst. Kreischende Vögel. Mit Blick auf schwarze Gewusel, trotz der Drohungen im Kopf, der sekundenschnell aufklart, wage ich nicht, mich zu rühren. Meine Augen suchen das Sichtfeld ab, das mir in dieser Lage bleibt. Das Grollen und Trampeln kommt näher. Ich gehe in Gedanken alle Möglichkeiten durch. Welche Tierart würde im Wald mit solch geballter Kraft durchs Unterholz schlagen? Plötzlich sehe ich die Antwort auf mich zukommen. Läge ich nicht sowieso schon, würde ich vor Ehrfurcht nieder knien und erstarren.

Ich hatte davon gehört, dass es hier unserer Gegend welche geben soll. War sogar der Meinung gewesen, ein Weibchen am Straßenrand gesehen zu haben, als ich im Morgengrauen aus der Stadt zurück aufs Land fuhr. Fuchs- und Hasenwechsel waren normal. Rehe auch. Aber das, was ich damals sah, war größer als ein Reh, trotzdem hatte ich meiner Wahrnehmung nicht geglaubt. Jetzt wusste ich, dass es stimmte.

Hirsche. Es gibt Hirsche in den Wäldern. Und der vielleicht prachtvollste Bulle hält direkt auf mich zu. Sein Haupt, so schön, dass ich jedes Ende spüren will. Auf seinem Rücken will ich sitzen, frei von Ängsten, meine Hände um seinen Hals legen, nachdem ich jeden Zentimeter seines prächtigen Geweihs mit meinen Fingern berührt habe. Ihm folgen Kühe und Kälber. Rehe. Füchse. Dachse und Hasen. Eulen und Falken fliegen über ihm. Marder und Mäuse springen zu seinen Füßen. Sie halten in einem schnaubenden Tross auf mich zu. Nichts wird sie bremsen. Und ich liege hier, umarme einen Baum und habe Angst vor Ameisen.

Dann passiert etwas mit mir. Ich weiß nicht, was, aber es lässt mich von jetzt auf gleich voller Liebe sein, einer so starken Liebe, die mich wünschen lässt, darin sterben zu dürfen. Wie in unseren schönsten Nächten. Als es noch keine Lügen gab. Vergessen ist das Jucken auf meiner Haut. Ich entkomme dem Wahnsinn. Ich schließe die Augen. Bin tiefenentspannt. Nehme meinen Körper nicht mehr wahr. Ich rieche den Waldboden und höre ihn flüstern. Ich sehe Bilder in meinem Kopf, die mich zerfließen lassen. Tosende Bäche. Ziehende Wolken. Wiesen. Berge. Meere … Die Erde breitet sich aus in mir. Mit süßem Hunger fliege ich an ihre Brust. Und sterbe.

»Wenn du nicht aufstehst, wirst du ein Baum.«
»Was?« Ich erschrecke vor meiner eigenen Stimme. Erschrecke davor, dass meine Zunge mir wieder gehorcht, auch mein Körper, denn ich richte mich mit durchgestreckten Armen auf und halte inne. Kein Überlegen. Das setzt erst jetzt ein. Mein Arm! Keine Armee mehr, die darüber führt und Chitin knirschend droht, mich anzufallen. Ich sehe mich um. Keine Herde Waldtiere. Keine Vogelschar. Dunkelheit hinter mir. Vor mir die Lichtung. Ein paar Büsche. Das Birkenwäldchen. Der Wind und die Stimme darin. Keine Schmerzen. Kein Hunger. Kein Durst.
»Ein Mensch steht auf, wenn er fällt. Nur ein Baum bleibt liegen.«
»Ein toter Mensch auch«, fallen meine Worte von allein.
»Aber du bist noch nicht tot.«

Ich bin noch nicht tot. Nein. Ich gebe auf, mich zu wundern. Der Schlaf hat mich wiederhergestellt, ich kann weiter, trotzdem frage ich mich, was es ist, das zu mir spricht, während in mir alte Gepenster erwachen, die mir liebkosend das Herz zerquetschten. Wenn ich allein war. In geschlossenen Räumen und in der Weite der Stadt. Irgendwann lief ich nicht mehr davon. Irgendwann verloren sie ihren Schrecken. Und ich wetzte heimlich das Messer mit meinem Lächeln, als ich hinter ihr Geheimnis kam. Als ich begriff, dass sie Angst schürten, weil sie schwächer waren. Aufgelehnt und zu Boden gegangen, wo ich trotzdem nicht zerbrach. Ich hatte gelernt und konnte sein, wie sie. Und ich tanzte meinen Tanz. Mit einem Lächeln glitt mein Messer in sein Fleisch.

Ich solle mich bedienen. Die Stimme reißt mich aus der Erinnerung. Eine Hütte würde auf der Wiese stehen. Daneben ein Baum. Dort würde ich finden, was ich suchte. Zu Anfang fällt das Gehen schwer.

Die Lichtung ist riesig. Liegt wie eine Blumenfarbenpalette vor mir. Flügelschlagen applaudiert. Brummen hinter Büschen. Bienen. Hummeln. Libellen. Dazu Schmetterlinge, die größer als meine Hände sind. Die Blüten verströmen Düfte, die mir den Verstand rauben wollen. Sie hängen sich mit Widerhaken an jeden Gedanken. Färben violett, was sie zum Stillstand gebracht. Schummeln sich auf Seifenblasen in das wenige Erinnern, was mir gelingt. Ich sehe den Pilzen beim Wachsen zu. Ich höre, wie Farnhände sich auseinander rollen. Das Flüstern der Margeriten nimmt den Gesang der Lilien an die Hand. Rosen summen Oden. Blütenstaub als Regenbögen. Die Farbe im Kopf erfasst meinen Körper. Fährt ins Herz. Explodiert im Feuerwerk der Wiese. Wärmt mich. Heizt mich. Ich lasse den Mantel von mir fallen. Die Sonne steht hoch. Düfte. Farben. Ich bade im Gefühl von Weite. Frei.
Jeden gegangenen Schritt vergessend, brauche ich gefühlt einen halben Tag, um die Wiese zu überqueren. Als die Sonne zwei Handbreit über dem Waldrand steht, erreiche ich endlich den würfelförmigen Holzverschlag, und in seinem Schatten habe ich das Gefühl, meinen Kopf aus einem bunten Wattebausch zu ziehen.
Hinter meiner Stirn fängt es an zu knistern, die Farben in mir verblassen. Erinnerung kehrt zurück. Ich trage die Zeit auf der Zunge. Kai lacht nicht mehr. Sein Kopf tauchte nie wieder auf. Wir fanden keine Erklärung, als sie uns zu Hause nach ihm fragten. Wir wussten es nicht. Hatten ihn irgendwo im Moor verloren. Sicher die Moorhexe. Endlich stehe ich vor der Tür. Mein Bruder schreit in den Flammen. Das Morphium war nicht stark genug. Meine Hand greift nach der Klinke. Die Rosen vor dem Fenster winken mir zu. Ich durfte ihm zusehen, wenn er sie beschnitt. Meine Großmutter schluchzt hinter mir. Sie nimmt mich nicht wahr. Und er erstickt an seinem Schwanz. Das Blut läuft mir über die Hände. Sein Gesicht läuft blau an. Ich ersticke seine Schreie mit meiner Wut. Wasche mir die Hände und greife die Wagenschlüssel. Sechs Anrufe. Wo bist du?

Vor dem Eingang liegt ein Garten, groß wie der Löschteich eines Dorfes. Begrenzt durch einen schmalen Wassergraben, über den ein Steg von der Wiese hinüber führt. Er ist wenig gepflegt. Die Beete sind nur zu erahnen. Einzig ein Rondell mit fünf Rosenstöcken fällt auf. Es liegt kultiviert nahe der Buche. Die Stöcke stehen einzeln. Laufsteine trennen sie großflächig von einander. Um den Stamm des Baumes führt ein getrampelter Pfad. Zwischen beiden Kreisen steht eine Bank ohne Lehne.

Beim Anblick meiner Hand auf der Klinke zögere ich und schüttle ungläubig den Kopf, spüre einen leichten Stromschlag und ziehe sie von der Klinke zurück. Einmal bekam Kai einen epileptischen Anfall. Wir hatten ihn überredet, gegen den Kuhzaun zu pissen. Er verriet uns nicht. Und wir verrieten nicht, wo er versunken war. Meine Fingernägel sind braun. Sie laufen zu wie frisch frisierte Bleistifte. Sehen aus, wie die Enden eines Wurzelgemüses, und sie jucken, wie meine Brust und wie die Hälfte meines Gesichts.
Meinem Bruder juckte die Haut. Seit er klein war. Er kratzte sich blutig. Auch, als er groß war. Das ist doch kein Leben, weinte er.
Langsam drehe ich beide Hände vor meinen Augen hin und her. Die Umarmung der Kiefer fällt mir ein und das Hineinkrallen in die Rinde des umgestürzten Baumes. Was geschieht hier? Ich trete zwei Schritte zurück und sehe mich um.

Neben der Eingangstür ist ein Fenster. Gardinen schützen die Innenwelt der Hütte vor Sonnenlicht und meinen neugierigen Blicken. Ich schiebe das Bild meiner deformierten Fingerspitzen zur Seite. Durst trübt Wahrnehmung, auch wenn ich ihn nicht spüre. Ich fahre mit meinen Fingern die Rille zwischen den Blockbohlen entlang bis zur Ecke. Am Rand ist das Holz dunkel und moosbewachsen. Die Seitenwand liegt im Schatten, mit ihr das nächste Fenster, ohne Gardinen, aber so weit oben, dass ich nicht heranreiche. Den Gedanken an die Eisentonne, die bis zum Rand mit frischem Regen gefüllt ist, verwerfe ich gleich wieder. Ich unterlasse den lächerlichen Versuch, sie von der Hausecke unter das Fenster zu bewegen. Eine Windböe fegt ums Haus. Die Moorhexe streift mich und tobt sich aus mit den Gräsern der Wiese. Sie kann sich unsichtbar machen. Bei Kai war sie auch unsichtbar. Und an jedem Tag, an dem sie mich ins Dunkle holt. Sie zeichnet eine silberne breit geschwungene Linie von mir bis zum Waldrand und verebbt.
Eine Zeit lang schnallten sie mich in dem Zimmer fest, das ohne Fenster war. Sie fragten mich nach dem Versprechen aus, das ich meinem Bruder gegeben hatte. Sie hatten ja keine Ahnung, was Schmerzen anrichten können. Sie hatten ja keine Ahnung, dass es auch meine Schmerzen waren.
Zurück am Eingang, klopfe ich. Nach einem Moment des Wartens fällt mir ein, dass die Stimme sagte, ich solle mich bedienen. Zaghaft drücke ich die Klinke hinunter. Die Tür öffnet sich geräuschlos. Ich hatte mich auf ein Knarren eingestellt, mindestens ein Quietschen der Scharniere. Stattdessen huschen zwei Mäuse mit kratzenden Sprüngen an mir vorbei und verschwinden unter einer Anrichte. Etwas fällt zu Boden. Eine Nuss rollt hervor. Sie bleibt in einem Astloch liegen. Dann ist es still. Aus der Kochmaschine an der Wand gegenüber erreicht mich der Geruch nach Holzfeuer noch vor dem Geräusch, was es hinterlässt. Die Glut im Innern scheint durch die Eisenringe. Daneben hängt der Schürhaken an der Wand. Ein paar Holzscheite liegen lose davor. Großmutter legt Holz nach. Mein Bruder hilft ihr. Er ist stark. Seine Arme sind aufgekratzt. Auch sein Gesicht. Aber er ist stark. Ich sitze vor dem Ofen und sehe mir Bilderbücher mit beweglichen Figuren an. Die Prinzessin hat ein Bein verloren. Schnell blättere ich um.
Von innen wirkt der Raum größer, als die Hütte von außen vermuten lässt. Essplatz. Küche. Schlafen. In der Ecke führt eine Stiege auf den Dachboden. Davor liegt der Eisenring einer Bodenluke. Er sieht aus, als wäre er regelmäßig in Benutzung. Glänzend poliert. Hinter mir fällt die Tür ins Schloss.
Unsicher trete ich an den Tisch heran, der in der Mitte des Raumes steht, und auf dem ein Laib Brot liegt. Daneben stehen ein Topf mit Butter, ein Obstkorb und eine Kanne dampfender Kaffee. Ich nehme mir einen Apfel, fülle den Steinkrug unter der kleinen Handpumpe mit Wasser und trinke einen Schluck. Es schmeckt muffig. Meinem Durst ist das egal. Meine Augen werden müde. Mit letzter Kraft lasse ich mich auf die Bettstelle unter dem Fenster fallen. Die Herdwärme strahlt bis hierher. Ich winkle die Beine an und kippe zur Seite wie ein nasser Sack. Das Messer fällt mir aus der Hand. Habe ich ihm wirklich sein bestes Stück abgeschnitten? Sein Gesicht lief blau an, als ihn zwang, es zu schlucken. Der Apfel rollt unter den Tisch. Neben der Nuss bleibt er liegen. Mit nur halb geöffneten Augen taste ich nach der Wolldecke, die über dem Bettende hängt, und deren Fransen bis auf den Boden reichen. Ich ziehe sie mühsam und mit mehreren Anläufen über meine Beine, dann fallen mir die Augen zu.

Als ich zu mir komme, ist die Bodenluke geöffnet. Großvater verschwand auch häufig unter einer solchen Luke. Da lag sein Weinkeller. Daneben das Lager mit dem Rosendünger. Mottenkugeln. Rattengift. Spiritus. Benzin. Alles war verboten für mich und meinen Bruder. Aber wir wussten, wo es lag. Und mit zwölf war ich endlich stark genug, die Luke anzuheben. Unser Haus lag gegenüber. Die Moorhexe war mit Kai beschäftigt und so traute ich mich nachts hinüber. Das gehörte alles zum Plan.
»Ist da jemand?«
Was für eine blöde Frage. Mir juckt die Brust. Dann gibt’s Schnee, sagt Großvater immer, oder Geld. Da ist er noch gut beieinander. Trinkt drei Schnäpse am Tag und hegt die Rosenstöcke.
Es kommt keine Antwort. Das Feuer ist aus. Es zieht kalt von unten hinauf. Ich will mich aufrichten und bleibe mit dem Gesicht am Kissen hängen. Irgendetwas hat sich zwischen mir und der Strickbordüre verhakt. Ich ziehe, will mit den Händen nachhelfen und steche mir dabei ins Auge. Ich schreie auf. Etwas knackt und bricht, tut mir dabei weh, aber ich bin frei.
Es wird nicht wehtun, sagt mein Bruder, ich werde nichts merken. Das Morphium wird alle Schmerzen betäuben. Vertrau mir! Ich vertraue ihm, besorge das Benzin aus Großvaters Keller. Und die Zigarre, die er dabei rauchen will. Ich werde jetzt zu Kai gehen, sagt er, der hatte auch ein armseliges Leben. Ständig umfallen und blöd rumzucken. Wer will sowas wie uns? Kein Mädchen nimmt sich einen mit blutiger Haut und verwestem Blut, das ständig erneuert werden muss. Der immer wieder Glatzen bekommt. Ich halte das nicht länger aus, und du bist die einzige, die mich versteht. Vertrau mir! Ich sehe den Schmerz in seinen Augen, sehe auf den löchrigen weißen Flaum und vertraue ihm. Ich höre ihn schreien, weil das Morphium nicht stark genug ist und stehe stumm zwischen den Menschen auf der Straße, die das Haus löschen.
Er hat nie aufgehört zu schreien.
»Hallo! Wer ist da unten?«
Die Mäuse huschen unter die Anrichte. Die Nuss ist verschwunden. Der Apfel hat Bissspuren. Ich stehe auf, gehe zum Tisch und trinke einen Schluck. Die Form meiner Finger erschwert das Greifen des Glases. Als ich an mir herunter sehe, fallen mir ein paar Zweigenden auf, die durch den Pulli stoßen. Ich hatte sie vorher nicht bemerkt. Haben die sich bei dem Sturz so in meine Haut gerammt, dass sie stecken geblieben sind? Ich schüttle mich. Unsicher, ob mir zum Lachen ist, versuche ich sie herauszuziehen, verfange mich aber mit den Wurzelfingern in den Maschen des Pullovers. Ich will meine Augen reiben, weil ich dem Ganzen nicht länger traue und steche mir dabei so empfindlich hinein, dass sich Tränen im Innern sammeln. Als ich mein Gesicht hinter meinen Händen verbergen will, schramme ich über die verwundete Gesichtshälfte. Ein paar Kiefernschuppen landen auf dem Tisch. Blut tropft auf meinen Pulli. Das sehen fällt schwer.
»Schluss jetzt!«, brülle ich, wobei sich weitere Borkenteile in meinem Gesicht lösen, weil ich den Mund wohl weiter aufreiße, als meine Verletzung das zulässt. Ich verstehe nicht, wie so viel Baumzeug an mir hängen geblieben sein kann und versuche mich zurück zu erinnern, an den Moment der Furcht, als ich die Kiefer umarmte. Kai liebt es auch, Bäume zu umarmen. Wenn wir ihm Angst machen mit der Moorhexe, sucht er sich einen Baum und hält sich so fest an ihm, wie er nur kann. Seine kurze Arme reichen nicht herum. Mein Bruder liegt zu Hause und erholt sich von den Infusionen. Ich weiß, dass ich ihm das Benzin besorgen soll. Ich habe Angst. Wir locken Kai zum Wehr.
»Schluss jetzt«, sage ich ein wenig leiser und gehe auf die Öffnung im Boden zu. Es scheint kaum Licht hinauf. Es flackert, als würde dort unten einen Kerze brennen. Vielleicht eine Fackel in einer Ecke. Oder eine Öllampe. So eine, die in Großvaters Keller steht. Gleich neben dem Rattengift. Großvater bittet mich, ich solle ihm helfen. Da bin ich als geheilt entlassen worden, sechs Jahre nach dem Tod meines Bruders. Er schreit immer noch. Kai japst immer noch nach Luft. Hilf mir, sagt Großvater, das ist kein Leben mehr ohne meine Rosen. Ich kann nicht länger nur so hier herum liegen. Das ist kein Leben mehr.
Vielleicht beginnt dort unten ein Geheimgang. Ich denke an die Öllampe neben dem Rattengift und vergesse, wie alt ich bin.

Rückwärts gehe ich die Stiege hinunter. Zehn knarrende Tritte. Meine Finger hinterlassen Kratzer auf dem Holz. Das Gift steht gleich neben der Lampe, flüstert Großvater, ein paar Krümel genügen schon. Dann stehe ich sicher auf dem Steinboden. Meine Schuhe scheinen eingelaufen zu sein. Es drückt und zwickt überall. In der hintersten Ecke brennt eine Fackel. Kein Geheimgang. Regale voller Gießkannen und Rosendünger.
Dann weht ein Luftzug an mein Ohr. Kalt und näselnd staunt die Stimme darüber, wie weit fortgechritten ich bin.
»Wie?«
Sie fragt, ob ich sie sehen kann.
»Ich höre dich, aber sehen … nein.«
Je nach dem, wozu ich mich entschließe, werde ich sie sehen … oder eben nicht, sagt sie, und wenn ich weglaufe, verliere ich. Die Stimme schlägt eisig gegen die feuchten Wände und als Widerhall in mich.
»Weglaufen? Ich … bin weggelaufen. Da war der Streit. Die Fahrt …«
Das weiß sie alles und applaudiert den Dingen auf meinem Kerbholz, »… Menschenskind, du noch eins im Moment, schnapp dir was, wir haben zu tun.«

Sonnenuntergang an der alten Buche.
»Lauf! Lauf! Immer herum. Das gute Holz hat reichlich Durst. Immer schön gießen, Menschenskind, immer schön gießen!«
»Meine Füße! Die Schuhe! Es tut alles weh!«
»Ziehe sie aus! Brauchst du nie wieder! Aber erst gießt du deinen Bruder zu Ende …«

Die Kannen stecken fest an meinen Händen. Ich rede weiter mit dem Unsichtbaren. Komme mir vor, wie sedirt. Das Laufen hat mich müde gemacht. Ich bin schwach und habe unglaublichen Durst. Meine Stimme ist leiser geworden. Mein Gesicht fast unbeweglich. Beim Sprechen fühle ich Schmerzen wie durch eine Wand. Die Schuhe habe ich abgestriffen. Sitze nun auf der Bank und versuche die letzten Worte aus dem Nichts zu verstehen, während meine längst verfärbten Zehen wachsen und wachsen.
Meinen Bruder gießen. Meinen Bruder. Die Rosen sind auch versorgt. Großvater? Ihre Blätter zittern in der Abendbriese. Über mir spielt der Wind in den Ästen. Ein paar Wipfelschaukler haben sich niedergelassen und singen ihr Abendlied. Sechs Anrufe. Wo bist du? Hat die feine Nachbarin ihn gefunden? Vertrocknete, hässliche Alte. Die Sache mit dem abgetrennten Genital entdeckt … meinen Wahnsinn. Das muss es sein. Und das hätten sie nicht gedacht in den süß gefüllten Kissen ihrer Triebe. Kai lacht irgendwo. Mein Bruder ruft mir zu. Großvater streicht mir über den Rücken und bleibt mit den Dornen in meinem Pulli hängen. Die ersten Triebe aus meiner Brust erreichen mein Kinn.

»Du hast den Friedhof erreicht«, die Stimme ist ganz nah bei mir, »die Seelen derer, die dem Schmerz im Leben nicht standhalten, leben auf der Lichtung weiter. Bis mich jemand ablöst, bin ich ihr Wächter. Ich fange sie ein und setze sie in Pflanzen.«
Es setzt sie in Pflanzen? Fängt sie ein und … ich verstehe es nicht. Presse Worte heraus.
»Aber – da – sind sie tot. Ich – lebe …«
»Wer zu Lebzeiten hierher findet, hat sich so tief zurück gezogen, dass er nie wieder hinaus findet. Jeder, der hierher vordringt, ist getrieben von Müdigkeit, Verzweiflung und Erinnerungen. Er trägt Schuld mit sich, die ihm niemand nehmen kann. Aber er hat die Wahl.«
Ich will nicht zurück. Ich habe mich in einen Hirsch verliebt. Das ist mit Rückkehr allein nicht gut zu machen … welche Wahl soll ich haben? Ein Lachen gelingt mir nicht. Borke fällt von meinem Gesicht auf die Bank. Es knackt in mir, als ich mich aufrecht hinsetzen will.
»Noch kannst du wählen, ob du die Verwandlung zulässt, oder ob du mich ablöst. Du wirst die vorfinden, die mit deiner Hilfe von dir gingen. Und du entscheidest, ob du sie für alle Zeiten mit Wasser versorgst und ihre Seelen am Leben erhältst, oder ob du für immer an ihrer Seite stehst. Ich werde dich nicht zwingen. Der Wächter zwingt niemanden. Doch du hast nicht ewig Zeit es aufzuhalten. Fliehst du in den Wald zurück, wirst du ein Teil von ihm. Wirst gefressen und wieder ausgespieen. Bleibst du längere Zeit stehen oder sitzen, wächst du fest.«

***

Der Moment, in dem du hinter deinen Händen bleibst. Fingerspitzen gegen die Augäpfel gedrückt, getrennt nur durch zuckende Lider. Sterne sehen. Die Mulden der Handflächen wärmen deine Wangen. Die Nasenflügel wehren sich bei jedem Atemzug, der hektisch um dein Leben ringt. Den Mund zusammen gepresst, bleibst du hinter dem einzigen Schutz, den dein Körper dir bietet. Geborgenheit in der letzten Minute, in der du Körper bist. Der Moment, in dem du erkennst, dass es keine Rettung mehr gibt. Die Füße verbeißen sich im Grund. Es gießt und gießt dir die Füße. Es rennt um dich immer im Kreis. Kai lacht dazu, gleich holt euch die Moorhexe. Die Borke frisst sich über dein Gesicht. Die Wurzelenden deiner Hände bilden Zweige. Daraus Äste. Bist du erst zu lange auf einer Stelle stehen geblieben, haben sich deine Sohlen festgebissen. Deine Zehen krauchen um dich, graben sich ein. Trinken, trinken, was es aus den Kannen gießt. Morgen schon übernimmt das der Regen.

***

»Morgen ist es zu spät, dann bist du ein Baum neben der Buche und kannst mich sehen. Kannst du mich erst sehen, gibt es kein Zurück. Das Leben als Wärter ist kein Schlechtes. Du musst nur den Wald aufräumen. Verirrte Menschen anlocken, ihnen den letzten Platz auswählen. Einen Leichenschmaus anbieten. Die Lichtung ist schön. Auch als Baum …«

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2 Gedanken zu “die lichtung

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