augen wie kohlestücke


Luca kam mit zwei Nasen auf die Welt und seine Augen standen ungewöhnlich weit auseinander. Eines grün. Das andere blieb blau. Blau blieb kleiner, das Lid durch eine Infektion verkümmert, und wenn er schlief, schloss es sich nicht ganz. Die Erwachsenen nannten es Missbildungen. Die Kinder schrieen, Monster!

Das können wir später alles noch in Schön operieren lassen, sagte Oma, wenn er sich darüber beklagte, wie er aussah. Obwohl eine Nase nach der Geburt entfernt worden war, die Ärzte schlossen quasi den Graben in seinem Gesicht, blieb das Ergebnis breiter als normal. Auch die Stelle über seinem Mund war geflickt. Mit Haut von irgendwoher an seinem Körper. Oma hatte ihn adoptiert, als seine Mutter ihn nach der Geburt nicht wollte und seinen Vater niemand kannte. Mit ihr und seinem Onkel an der Seite, genoss er Liebe im Überfluss. Irgendwann wurde sein Lachen trotzdem weniger. Als aus den Kindern Teenager in kurzen Röcken wurden, die er gerne ansah, zum Beispiel. Und als er begann, sich häufiger im Spiegel zu betrachten.

***

»Luca, Besuch ist da für dich.«
»Will keinen.«

Die rothaarige Krankenschwester zieht die Vorhänge zurück. Luca sieht ihr hinterher. Ihr Kittel ist kurz. Die Farbe ihrer Haare und ihrer Haut erinnern ihn an die Frau auf dem Gemälde in Großmutters Stube. Wie Äpfel stehen auch deren weiße Brüste hervor, während sie einem alten Mann in dunkler Gruft daraus Milch gibt. Wie einem Säugling. Einem Kleinkind. Der da trinkt, ist der Vater. Als der mit Hilfe der Muttermilch dem Hungertod entgeht und überlebt, wird er begnadigt. Die Liebe der Tochter rührte die Tyrannen. So erzählt es die Geschichte. Und Großmutter. Heute sind die beiden längst tot. Lucas Kopf ist benebelt. Er mag das Bild. Sein Name fällt ihm nicht mehr ein.

»Ich bin Schwester Patricia. Und ich glaube, die Sonne geht gerade auf.«
Sie zwinkert ihm zu, als sie das sagt und sieht zur Tür.
Luca löst seinen Blick von ihr und dreht langsam den Kopf.
»Hi, erkennst du mich wieder?«
Jemand steht in der Tür. Luca erkennt nicht, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist. Die Haare sind kurz und schwarz. Die Augen groß. Schwarz wie Kohlestücke. Eng beieinander stehend.
»Wir haben ganz schön Glück gehabt. Wie geht es dir?«
Nun klingt die Stimme nach Mädchen. Etwas rau vielleicht. Ein Junge im Stimmbruch würde auch nicht fragen, wie es ihm geht. Ein Mädchen aber auch nicht.
»Wer ist das«, murmelt er und lässt sich von Schwester Patricia den Puls fühlen, »und wo ist meine Brille?«
»Erinnerst du dich nicht mehr? Die hast du bei der Aktion verloren.«
»Welche Aktion? Und ich habe gar nicht dich gefragt. Schwester, wissen Sie, wo meine Brille ist?

***

Es ist ein staubiger Tag. Orange in der Luft. Sie sagen, es wäre Saharasand. Lucas Hände schwitzen. Der Verkehr rauscht an seinem Rücken vorbei. Er will es von der Insel schaffen. Wollte nicht anhalten, doch die Luft wird knapp. Unter ihm schwankt der Asphalt. Als er sich die Tränen vom Gesicht reibt, kratzt die Sahara. Scheuert seine Haut auf den Jochbeinen heiß. Viel heißer, als es das Gelächter eben geschafft hat.

Es war nicht sein Gelächter. Ihm hatte es nur die Luft abgeschnürt. Dabei hatte er Anna nie gehänselt. So, wie die anderen. Auch wenn er sich manchmal vorstellte, wie sie eines Tages platzen und überall in der Klasse ihre Reste an der Wand kleben würden. Mit den letzten Sahneschnitten und Bonbons. Und Nudeln mit Fleischbällchen. Sie sah eklig aus, wenn sie aß. Er würde es mit einem Klick für immer festhalten. In der Dunkelkammer für alle Zeit sichtbar machen. Zum Trocknen über die Badewanne hängen. Anna in Fetzen an der Wand. In Schwarzweiß.
Er hatte sich für seine Gedanken geschämt. Ein wenig. Und es war ja nur ein Spaß. Weil keiner einfach so platzt. Und wenn der Spaß in einem drin bleibt … war das nun die Strafe? War er mit dieser Strafe schon auf die Welt gekommen? Hat das Universum von Anfang an gewusst, dass er Anna für gefräßig halten würde?

Natalie war anders. Bei Natalie dachte er an grün und viel rot. Sie hatte die Sache mit seinem Gesicht nicht gestört. Als beide klein waren, wuchsen sie auf wie Geschwister. Wohnten Gartenzaun an Apfelbaum.
Zugegeben, als ihre Äpfelchen anfingen zu wachsen, sprach sie ein Jahr lang kein Wort mit ihm. Sie grüßte nicht mal, wenn sie zur selben Zeit das Haus verließen und keine Menschenseele in der Nähe war. Sah einfach durch ihn hindurch. Oder weg. Das wurde erst wieder anders, als Luca ein verirrtes Vogelkind fand. Er war aufgeregt nach Hause gelaufen. Die Hände wie mit einem versteckten Schatz vor der Brust. Ganz nah dran. Mädchen bleiben immer neugierig. Immer. Und Natalie vergaß das Weggucken. Sie fütterten das Vogelkind gemeinsam, bis sie es ein paar Tage später unter dem Baumhaus begraben mussten. Da griff sie seine Hand. Die wurde dabei genauso schwitzig wie jetzt beim Saharasand, und beide wischten sich an den Hosennähten ab und fassten sich wieder an.
Von da an trafen sie sich regelmäßig. Besuchten das Grab. Sie blätterten Magazine durch, die Luca seinem Onkel aus dem Schuppen stahl. Einmal stand sie dann in einem ganz kurzen Rock da. Direkt an den dicken Baumstamm gelehnt. Ihre Bluse hatte wohl oben ein paar Knöpfe verloren, die Lippen glänzten leuchtend rot, und ihre Augen waren schwarz umrandet. Fotografiere mich mal, hatte sie gesagt und ihm wurde ganz warm dabei. Natalie war Sommer. Durch und durch.

Die Luft bleibt orange. Manchmal wird es dunkel vor den Augen. Es ist heiß. Er hat Durst. Er will sterben. Der Verkehr rauscht. Das Lachen in seinem Kopf hört nicht auf. Bald ist es vorbei. Er läuft. Weg aus dem Leben.

Guckt euch das Monster an, schrie die dicke Anna, die eigentlich an der Wand kleben sollte und hielt das Foto hoch, was der für einen bescheuerten, hässlichen Kussmund macht. Als ob DEN eine küssen will?
Dann reichten sie das Foto durch den Klassenraum. Machten Würge- und Kussgeräusche abwechselnd. So ein Monster! Die Jungs. Die Mädchen. Lachten und malten einen Schnurrbart dort hin, wo ihm niemals einer wachsen würde, weil da ja die Haut hing von irgendwo an seinem Körper. Machten Boxer- und Negerwitze über seine Nase. Dabei ist die Breite normal, wenn es mal zwei waren. Oder eine geteilte. Natalie wusste das. Wurde ein bisschen rot bei dem Spektakel. Wohl weil sie lachte. Was sie auch sollte. Aber anders eben. Seinen Blicken wich sie aus.
Er war auf die bescheuerte Idee mit dem Foto gekommen, als Natalie bei der Nachhilfe war und er alleine in den Magazinen blätterte. Baute sich mit Zeug aus dem Schuppen das Stativ. Schleppte es zum Baumhaus. Schloss ebenfalls die oberen Knöpfe nicht. Kämmte die Haare nach hinten. Wie in dem Magazin.

Auf der Brücke hält er an. Das Lachen im Kopf ist verstummt. Er dreht sich um. Sucht das Inselufer. Denkt an Großmutter. An seinen Onkel, der ihm die Kamera geschenkt hat und daran glaubt, dass eines Tages aus ihm ein großer Fotograf wird. Weil er den Blick hat, den es braucht. Aber ein Monster wird kein großer Mann. Es wird ein großes Monster. Es wird nie mehr Sommer sein. Der Staub reibt in den Augen. Scheiß Sahara Sand. Scheiße alle!

***

Schwester Patricia hat den Raum verlassen. Luca richtet sich blinzelnd auf. Sieht angestrengt in die Richtung der großen Augen. Das Mädchen kommt näher.
»Wir haben deine Brille leider nicht finden können«, sagt sie und lächelt. Setzt sich auf die Bettkante. Haare wie ein Junge. Flach wie ein Junge.
»Geht es dir gut?«, als sie so nah bei ihm sitzt, erkennt er sie besser, »tut dein Kopf sehr weh?«
»Mein Kopf?«, Luca hebt die Hand. Tastet den Verband. Schüttelt den Kopf. Kneift die Augen zusammen, weil das Bett sich plötzlich dreht.
»Du erinnerst dich wirklich gar nicht, oder?«
Luca sieht zur Tür und flüstert, »ich weiß, dass ich weggelaufen bin. Ich wollte auf der Brücke…«
»Shhht. Ja, das weiß ich alles. Aber die hier wissen es nicht. Und das sollten sie auch nicht, weil du sonst nämlich auf die Geschlossene kommst. Und ich gleich mit.«

***

Lucas Finger gleiten, klopfen im Takt gegen die Eisenprofile der Brüstung. Wird er überhaupt untergehen? Er schwimmt wie ein Fisch, sagt Großmutter. Er könnte den Schlepper abpassen und sich auf die Ladefläche knallen lassen. Ob er dabei platzt, wie die dicke Anna platzen sollte? Ob es weh tut?
Junge, was dich nicht umbringt, macht dich härter. Großmutter sagt das häufig. Viel zu oft musste sie es sagen, um ihn zu trösten.
Es macht einen hart. Ja, ja. Wofür? Wozu? Ist er vielleicht schon so hart, dass ihm ein Aufknallen auf so ’nen Schlepper gar nichts anhaben würde? Und Überhaupt Großmutter. Sein Onkel. Schöne Scheiße. Was werden die sagen, wenn er als Knall endet, nur weil er so bescheuert war, sich an ein Selbstportrait zu wagen. Für ein Mädchen.

Auf der Mitte der Brücke bleibt Luca stehen. Hände auf dem Geländer. Die Arme durchgestreckt, stemmt er sich in die Höhe. Die Füße weg vom Boden. Die Knie klemmen zwischen den Eisenstreben. Sein Atem beruhigt sich, und er fühlt mit einem Mal absolute Stille. Nur er und die Meerenge unter der Brücke. Das Schilfufer. Die auslaufenden Sandzungen, auf denen die Pfeiler der Brücke ihr Eisen in die Erdkruste krallen. Dazwischen die Strömungen und Wirbel der salzigen Flut.
Er stellt sich zurück auf die Füße. Bildet aus Daumen und Zeigefingern beider Hände ein Suchfenster. Dreht es waagerecht. Senkrecht. Lässt es vor seinen Augen über die Ufer schwenken. Zu den Schornsteinen der Stadt, die wie starre Finger emporragen. Tote Finger, die nichts aussagen. Kein Bild in ihrer Haltung. Kein -Stopp!- Kein -Hilfe!- Dann zum Horizont und weiter hinauf zum Himmel. Wolken, die sich zudecken. Streifen. Vorüberziehen. Schnelle. Langsame. Alles leuchtet orange. Er schwenkt weiter. Bis zum vorletzten Pfeiler. Wandert abwärts … und hält inne.

***

»Hilft dir vielleicht das Stichwort Boot? Nussschale? Schiffbruch?«, fragt das Mädchen auf seiner Bettkante.
Luca lehnt sich zurück. Über das kleine Auge legt er die Hand. Das andere schließt er. Woher kennt er das Mädchen? Er will Dunkelheit. Erinnerung finden. Fängt an zu suchen. Findet Tiefe. Angst. Wie in einer dunklen Grube. Will nicht hinsehen. Doch der Film beginnt und lässt sich nicht stoppen.
Das Foto. Die Klasse. Lachendes Spektakel. Laufender Waldrand bis zur Brücke. Saharasand. Eisenstreben. Stille … und ein Brückenpfeiler. Seine Motivsuche. Und dann … ein Etwas, das gegen eine der Eisenkrallen schlägt. Allein gelassen schaukelnd auf der Wasseroberfläche. Schlägt. Überschlägt. Schiffbruch. Der Strudel. Der Film zeigt, wie er plötzlich losläuft. Bis zum Ende der Brücke. Über die Absperrung springt. Durch die Uferböschung. Ins Wasser. Von Stein zu Stein. Über die Sandzungen. Erster Pfeiler. Das Boot schlägt. Holz bricht. In der Ferne der Schlepper. Den Strudeln ausweichen. Zweiter Pfeiler. Tauchen wie ein Fisch. Schiffbruch. Berstende Planken. Haut wie Saharasand. Ein Mädchen ohne … ohne Atem. Die Brille versinkt.

Die Hand, wie ein Indianer über den Augen, blinzelt er, um ihr Gesicht zu erkennen, »Francesca, richtig? Du wolltest dich mit deinem Kahn vom Schlepper ins Meer ziehen lassen, richtig?«
»Das Seil ist gerissen«, sagt sie und nickt, »ich bin in den Strudel geraten. Habe nicht steuern können. Das Seil hat sich in dem alten Baugitter verfangen und die Flut spielte wie mit einem Springball mit mir und der Nussschale. Ich war ohnmächtig, weil ich mir den Kopf angehauen habe. Hier, siehst du?«, Francesca dreht sich um und zeigt den Druckverband an ihrem Hinterkopf, »du hast mich rausgezogen. Mich angebrüllt. Mir ins Gesicht geschlagen. Bis ich zu mir kam. Da waren wir an Land. Ich bekam Panik, wegen … weil … dein Brüllen … dein … du weißt schon …«
»Mein Monstergesicht«, antwortet Luca leise.
»Jedenfalls«, sie nickt in Richtung seines Kopfes, »habe ich nach dem nächst Besten gegriffen, was ich fassen konnte. Deine Gehirnerschütterung hast du mir zu verdanken …«
»Super! Und dann? Wie sind wir hierher gekommen?«
»Naja, ich habe mich beruhigt und dann den Spieß umgedreht. Die nächsten Ohrfeigen gingen an dich.«
»Na, toll.«
»Ja, ich weiß. Zum Glück kam die Wasserwacht … und jetzt bin ich ja hier.«

Auf dem Gang rattert der Geschirrwagen. Essenverteilung. Die Sonne wirft Fensterkreuze an die Wand.
»Wo sind wir denn? In der Stadt?«
»Ja. Deine Oma war vorhin hier. Ich habe sie gesehen. Sie ahnt nichts. Kommt heute Abend wieder mit deinem Onkel. Sie sagt, du bist ein Held.«

»Was machen wir denn jetzt?«, fragt Luca mehr zu sich selbst und verschränkt die Arme unter dem Kopf.
»Na … weiterleben. Einfach weiterleben. Ich gehe zurück ins Heim …«
»Ins Heim? Bist du ’ne Waise?«
»Wieder vergessen? Ich war meiner Mutter zu anstrengend.«
»Und eine Oma hast du nicht?«
»Ich habe niemanden. Und davon hatte ich die Schnauze voll. Auch von den Sprüchen darüber, dass ich wie ein Junge aussehe. Ich wollte mich, glaube ich, gar nicht umbringen. Nur weg von allem.«
»Ja«, erwidert Luca, »ich vermutlich auch …«

Die Tür geht auf. Schwester Patricia trägt ein Tablett zum Tisch in der Ecke, »willst du hier essen, Francesca?«
Es riecht nach Kamillentee. Desinfektion. Es gibt Essen unter Plastikhauben.
»Guten Appetit, ihr beiden!«, sagt sie und zieht die Tür hinter sich zu.

»Hast du eigentlich gesehen, was auf deinem Nachttisch liegt?«, hat deine Oma gebracht.
Luca dreht den Kopf und entdeckt seine Kamera, das Objektiv zu ihm gerichtet. Für ihn hat sie ein Gesicht und er berührt sie, als begrüße er einen Freund.
»Also bist du Fotograf, ja? Das ist ziemlich cool.«

Luca hebt verlegen den Deckel von seinem Teller. Betrachtet die Nudeln, dann das Mädchen am Tisch, das er nun wieder verschwommen sieht. Den Kopf nah über den Teller gebeugt, hängen ihr die Spaghetti in langen Enden aus dem Mund. Sie schlingt und klingt dabei wie Lucas Onkel.
Cimon und Pero heißt das Gemälde in Großmutters Stube, fällt ihm in dem Moment ein, und er kann sich ein Lächeln nicht verkneifen.
Augen, wie Kohlestücke. Er tastet nach dem Besteck, und auf einmal sieht er Blau. Viel Blau. Und Orange. Francesca ist Meer. Und Saharasand. Der den Himmel in seine Farbe taucht und Spuren auf der Haut hinterlässt.

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