keine erbsen im tiefkühlschrank


-Das Buch ist schön. Ich mag das Buch sehr, schreibt er und zieht einen Schluck Cola aus dem Strohhalm.
Der Halm leuchtet rot und schießt nach oben hinaus, als er die Flasche zurück neben die Tastatur stellt.
Hinaus aus der kleinsten Flasche, die es in dem Laden an der Ecke gibt. Er lacht laut auf.

Mit Zahlen kennt er sich nicht gut aus, darum hatte er die kleinste zur Verkäuferin gesagt und zwei Münzen aus dem feinen Portemonnaie ohne Aufforderung auf den blauen Teller gelegt.
Danke, das stimmt so, hatte er auch gesagt und sich danach geärgert, denn er hätte gerne ein paar von den kleinen roten zurück bekommen. Aber die Mutter macht es auch so; Danke, das stimmt so.
Immer freundlich und zurückhaltend. Das mögen alle an ihr.

– Hast du es allein gelesen, oder vorgelesen bekommen?, steht jetzt auf dem Bildschirm.
Er beobachtet verunsichert den blinkenden Cursor und überlegt, wieso sie das fragt.
-Moment mal bitte, schreibt er und steht auf.

Er geht durch den Raum.
Die Fenster sind vom Schmutz der Straße bezogen, so dass es nie richtig hell wird.
Wenn er das Haus verlässt, blendet ihn das Draußen, und er läuft blinzelnd bis zur Ecke der Straße. Da ist der Laden. Weiter muss er nicht.

Vor dem Regal bleibt er stehen und fährt mit dem Zeigefinger über die Buchrücken.
Manche von den Büchern machen ihm Angst.
Die drei großen mit den vergilbten Butterbrotpapier-Einschlägen zum Beispiel, die oben und unten eingerissen sind. Die Buchstaben darauf erkennt er nicht.
Ich denke, ich kann lesen, am liebsten würde er laut aufstampfen, wieso verstehe ich dann nicht, was da steht?
Doch er lässt es.
Wegen der Mutter.
Sie mag es nicht, wenn er wütend wird. Nicht mal jetzt.

Auf den unteren Brettern reihen sich die Bücher für ihn. Bunt. Ordentlich beschrieben.
Er dreht sich um. Sieht auf den Monitor. Sieht neue Wörter auftauchen, die er von so weit weg nicht erkennen kann.
Sie schreibt wieder etwas, freut er sich und zieht eilig den kleinen Prinzen aus dem Regal.

-Was machst du solange? Bist du off?
-Ich lese selber, antwortet er, guck: MAN SIEHT NUR MIT DEM HERZEN GUT. Das habe ich selber gelesen und es für dich aufgeschrieben.
-Du bist lustig, kommt zurück, ich mag das Buch auch, aber das ist lange her.
Heute lese ich andere Sachen.

-Du bist ein netter Mensch, tippt er und saugt eilig an der Cola bis es laut am Flaschenboden schlürft.
Ich habe ein Kaninchen, tippt er weiter, es heißt Schnuffel. Ich mag Kaninchen, weil sie so aussehen, wie ich.
-Ha-ha. Du bist wirklich lustig. Kein Mensch sieht aus wie ein Kaninchen.
-Ich schon.
-Hm.
-Findest du das schlimm?
-Nö.
-DAS WESENTLICHE IST FÜR DAS AUGE UNSICHTBAR.
Das steht auch in dem Buch.

-Ich weiß.
Und wieso siehst du aus, wie ein Kaninchen?
Dein Profilbild ist doch ganz hübsch. Ein bisschen jung vielleicht.

-Das bin ich nicht auf dem Bild.
Das ist ein Junge aus dem Briefkasten.

-Aus dem Briefkasten?
-Da ist manchmal Werbung drin.
-Ups.
-Was ist?
-Nix.
-Aha.
-Und?
-Was und?
-Na, wie siehste denn nun aus?
-Ich habe große Ohren. Und sie stehen ab.
-Na ja, das ist doch nicht so schlimm.
Und dein Name, stimmt der?

-Zur Hälfte. Ich heiße Klaus-Ferdinand. Aber ich mag Ferdinand nicht besonders, darum verschweige ich den Teil.
-Aber mir erzählst du es doch auch.
-Ja, du bist ein netter Mensch.
-Aha. Willst du gar nichts über mich wissen?
-Nein. Mir reicht, dass du mit mir schreibst.
-Also bin ich dir egal?
-Nein! Wieso sagst du so etwas?

Er nimmt aufgeregt die Maus in die Hand und klickt ein paar mal auf ihr Profilbild.
Jetzt ist ihr Kopf so groß wie seiner und er betrachtet ihn genau. Dabei kaut er auf dem Strohhalm herum.
Das Mädchen hat lange blonde Haare und braune Augen. Sie sind mandelförmig.
Ein bisschen wie bei Pocahontas, denkt er und dreht sich zum Regal.
Irgendwo muss dieses Buch stehen. Irgendwo bei seinen.

-Braune Haare würden auch gut bei dir aussehen, schreibt er und lächelt.
Dann holt sich eine neue Cola. Die Einkäufe liegen auf dem leeren Bett verteilt.
So muss er nicht bis in die Küche.
»Die Küche ist gruselig«, flüstert er und schüttelt den Kopf.
Er mag ihren Geruch nicht.

-Stehst du nicht auf blonde Haare?
-Ich mag rote, so wie die vom Schnuffel
-Klaus-Ferdinand, du bist sonderbar.
-Nein, ich mag Kaninchen.
-Ja, ich weiß. Sag mal, wie alt bist du eigentlich?
Wenn ich dich so lese … hast du bei deinem Alter auch gelogen?

-Ich bin kein Lügner.
Mama sagt, lügen ist schlimmer als stehlen.

-Aha.
-Bitte sei mir nicht böse! Du bist die einzige, die mit mir spricht. Ich finde es sehr schön mit dir.
-Also, ich bin jedenfalls bald 18 und froh, wenn ich endlich zu Hause raus komme.
-Wollen wir uns dann mal treffen? Du hast ja meine Adresse.
-Wann?
-Wenn du zu Hause raus kommst?
-…
-Ich muss mal zur Toilette. Wartest du auf mich?
-Ja. Mach schnell!

Mit der Hand im Schritt eilt er aus dem Zimmer.
Im Flur schließt er die Augen und hält die Luft an. Läuft blind hindurch bis zur Klotür.
Er knipst das Licht an, zieht sie hinter sich ins Schloss und schiebt den kleinen Riegel nach rechts.

Es gibt kein Fenster in dem schmalen Raum.
Weit oberhalb des Toilettenbeckens hängt der Spülkasten. Leicht nach vorn gebeugt. Etwas schief. Man muss an einer Kette ziehen, damit er funktioniert. Der weiße Griff fehlt. Wenn das Wasser in der Rohrleitung hinunterstürzt und danach Luft zieht, klingt es, als würde der Raum alles Vorhandene einsaugen wollen.

Der Lüfter springt an.
Vor Schreck stößt er gegen das Handwaschbecken, das am Eingang in den Raum ragt. Das Flusensieb voller Haare. Mamas Haarausfall, denkt er, geht langsam vorbei und klappt den Toilettendeckel nach oben. Er setzt sich. Als er den Kopf dreht, kann er den Rand des Waschbeckens mit der Nase berühren und sieht Zahnpasta-Reste vom Morgen.

»Nicht richtig weggespült«, er neigt den Kopf und dreht Wasser auf. Dann wischt er die weißen Spuren fort. Nur die Haare will er nicht anfassen. Er schüttelt sich und lächelt.

»Ich spüle auch gleich«, sagt er mit einem zaghaften Blick nach oben. Er dreht die Seife zwischen seinen Händen. Hält sie lange unter das warme Wasser. Es duftet nach Rosen. Ein bisschen wie Mama.
Die Kette hängt geduldig.

Ein Viertel des runden Spiegels über dem Waschbecken ist blind.
Schwankend steht er davor. Betrachtet sich einmal genau. Verschwindet danach in der Unkenntlichkeit.
»Wie ein Kaninchen«, flüstert er, streicht über die weißen Haare und berührt die breite Furche unter seiner Nase.

In der Schule haben sie sich die Ohren zugehalten, wenn er sprach und mit Gewalt auch dann nicht Halt gemacht, wenn die roten Augen längst mit Tränen gefüllt waren.
Mama sagte immer, das macht dich stark Junge, und kühlte seine Hämatome mit gefrorenen Erbsen.

Jetzt ist gar kein Platz mehr für Erbsen, denkt er und schiebt rasch den Riegel zurück.
Er beugt sich weit nach vorn. Streckt den Arm lang aus. Zieht mit größtmöglichem Abstand an der Kette und springt sofort in den Flur.
Tür zu!
Augen zu.
Nase zu.
Zurück ins Zimmer.
Tür zu.

-Ich bin wieder da, tippt er eilig, als er wieder am Schreibtisch sitzt. Zuversichtlich nimmt er einen weiteren Schluck. Tippen kann er gut.
-…
-Hallo!!
Bist du jetzt weg?
Weißt du, was ein Albino ist?
Er knabbert am Daumennagel der rechten Hand. Dann steht er auf und bückt sich unter den Schreibtisch.
»Na, Schnuffel, willst du auf meinen Schoß?«
Mit dem Kaninchen zwischen den Beinen setzt er sich zurück. Als keine Antwort kommt, schreibt er weiter.
-Ein Albino ist weiß, und hat rote Augen.
Vielleicht bist du ja auch auf Toilette?

Er streicht die langen Ohren des Tieres zurück. Hält sie über dem Rücken fest und wartet.
Ich habe auch einen Mund wie ein Kaninchen, tippt er, die Leute sagen so dazu. Hasenscharte nennen sie es.
Unruhig schaukelt er vor und zurück.

Also gut, ich bin schon älter. Du hattest recht. Aber ich mag Erwachsene nicht sehr. Sie erwarten so viel. Darum mag ich mich mit Kindern unterhalten. Du bist zwar auch schon groß. Aber ich finde dich nett. Sehr nett sogar.
Das Kaninchen wird unruhig und hüpft auf den Boden.

Schnuffel läuft gerne weg. So wie du das machen willst, wenn du 18 bist. Aber er kommt nicht weit. Das Zimmer ist zu. Er kann höchstens unters Bett und da lege ich mich dann dazu. Wenn du mich besuchst, zeige ich dir meine Höhle.

Er sieht dem Kaninchen hinterher, wie es ins Dunkle verschwindet. Darüber liegt der Einkauf.
Ein paar kleine Colaflaschen hat er noch. Gummibärchentüten auch.
Das reicht für ein paar Tage, denkt er und betrachtet den Bildschirm.

Ich würde nie davon laufen, tippt er, ich will nie aus unserer Wohnung. Das geht auch gar nicht wegen Mama. Die braucht mich jetzt. Bis ich dreißig war, habe ich sie gebraucht. Aber dann habe ich gehört, wie sie zur Nachbarin gesagt hat, dass ich ausziehen soll.

Und jetzt passen keine Erbsen mehr in den Tiefkühlschrank.

Er zuckt zusammen, als es unten an der Tür klingelt.

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