das verlorene rudel


Teil 1

Ohne Unterlass prasselte kalter Regen auf Novis Fell. Das bisschen Fell, das ihm überhaupt geblieben war. Er drängte sich fester an die Mauer der Taverne und leckte die großflächigen Wunden, die Parasiten hinterlassen hatten. Sie lebten in seinen Ohren. Sie lebten unter seiner Haut. Wenn nur dieses verdammte Jucken aufhören und an den kahlen Stellen endlich wärmendes Fell wachsen würde. Er rollte sich auf einer Zeitung zusammen und schloss die Augen. Das Loch in seinem Magen knurrte. Seine Rippen drückten sich in seine Haut. Irgendwann würde er sich ein Polster anfressen. Irgendwann würde alles gut.
Er dachte an seine Geschwister, als er einschlief. Vor seinen Augen waren sie in dem weißen Lieferwagen verschwunden. Als das Auto hielt, hatte er für ein Schläfchen unter dem Rhododendron gelegen. War nur durch ihr Fiepen aufgewacht. Und die lauten Stimmen der Menschen, als sie die Türen des Transporters schlossen. Als er sich den Schlaf aus den Gliedern gestreckt hatte, war das Auto längst fort gewesen.

Zwei Tage war er danach durch die Stadt geirrt, um sein Rudel wieder zu finden. War weißen Autos gefolgt. Hatte versucht, ihre Gerüche aufzuspüren. Er war gelaufen, bis seine Sohlen blutig waren.
Irgendwann hatten ihn Hunger und Erschöpfung hinter die Taverne gelockt. Novi war der Schwächste von ihnen gewesen. Nun war er der einzige.
Seine Pfoten zuckten, als er fest eingeschlafen war. Und ein leises hohes Bellen rief aus seinem Traum.

»Lungerst du schon wieder hier herum? Räudiger Köter! Mach dich davon, hau ab!«, riss ihn plötzlich der dicke Wirt aus seinem Schlaf. Er stand im Hinterausgang und hielt einen langstieligen Gegenstand drohend in der Hand.
Mit lautem Knall landete die Schaufel neben Novis Kopf. Jaulend sprang er auf. Nur um Haaresbreite entging er dem nächsten Schlag. Er zog den Schwanz ein und kauerte sich an den Boden. Den nackten Bauch auf den nassen Schotter gepresst, drehte er nur leicht den Kopf und sah den Menschen aus den Augenwinkeln an.
»Hast du noch nicht genug?!«, lallte der und schlug erneut mit der Schaufel, diesmal gegen eine der Abfalltonnen. Metall schlug auf Metall und tat in Novis Ohren weh, er winselte und presste sich immer weiter an den Boden. Langsam drehte er seinen Bauch nach oben und hob die Vorderpfoten in die Luft. Ich ergebe mich, ich ergebe mich, wollte er dem lauten Menschen sagen. Doch der versetzte ihm taumelnd einen Tritt in die Rippen. Novi jaulte schmerzerfüllt auf und machte einen Satz zur Seite. Jetzt kauerte er in sicherer Entfernung von Schaufel und Stiefelspitzen. Noch einmal sah er den Menschen mit seinen schwarzen Knopfaugen an. Das Wasser tropfte ihm kalt auf den kahlen Schädel. Lief die Ohren entlang, die wie weiße Stoffdreiecke nach unten hingen und tropfte von dort auf seine Pfoten.
»Na wird’s bald!«, schrie der Wirt erneut und hob noch einmal drohend die Schaufel.
Novi sah zu den Abfalltonnen. Sie hatten ihn ernährt. Er sah zu dem Menschen. Der hatte die Tonnen gefüllt. Mit einem Mal flog eine Glasflasche dicht an Novis Kopf vorbei. Sie schlug in der Dunkelheit hinter ihm auf und zersprang klirrend. Novi legte den Kopf schief.
»Verschwinde!«, brüllte der Mensch so laut er konnte und machte einen Satz auf Novi zu. Menschen bringen Schmerzen und Lärm, das verstand Novi nun und begriff, dass dies kein guter Platz mehr für ein Hundekind war. Und bevor der nächste Schritt des Menschen ihn erreichen konnte, drehte er sich um und lief in die Dunkelheit davon. Er lief, so schnell seine zerschundenen Pfoten es zuließen. Lief, als wäre der große, dicke Mensch noch hinter ihm. Mit seiner Wut und der Schnapsfahne, die mit jedem seiner Worte in die Nacht gefallen war. Er sah nicht nach rechts oder links. Seine Beine trugen ihn bis der Geruch der Taverne nicht mehr auszumachen und die Lichter der Stadt dem Duft des Meeres gewichen waren. Novi war am Strand.

***

»Bist du sicher, dass es alle waren aus dem Wurf?«
»Ja, ziemlich sicher. Ich denke, wir haben alle erwischt.«
»Hoffentlich! Ich will, dass die Aktion sich lohnt. Der ganze Aufwand den wir haben, da soll schon etwas Gescheites bei heraus kommen.«
»Das wird es. Lass uns damit anfangen sie zu wiegen.«

***

Der Regen war über den Dächern der Stadt hängen geblieben. Nur leicht tanzte das Bild des Mondes auf der Meeresoberfläche. Geröll und Felssteine türmten sich vereinzelt und unterbrachen den Strand der feinsandigen Landzunge. Sanft leckten die Wellen an ihr und schlugen plätschernd gegen das Gestein. Die Gegend kam Novi vertraut vor. Er kannte den Geruch und blieb stehen. Über ihm führten Holzbretter wie ein Weg ins Wasser. An dessen Ende schaukelte ein Boot.
Im ersten Moment war es angenehm weich, wo er stand. Anders als auf den Straßen der Stadt. Seetang hatte sich am Ufer gesammelt und bildete Nester. Novi hatte auf so einem Nest angehalten. Die gefleckten Sohlen waren wieder blutig gelaufen und die weiche Kühle tat ihm gut. Plötzlich ließ ihn ein brennender Schmerz aufjaulen. Erschrocken machte er einen Satz nach vorn und landete im Wasser. Auch hier war das erste Gefühl angenehm kühl und weich. Doch schon bald brannte es erneut und stärker als zuvor. Das Salz griff seine Wunden an und er wich fiepend zurück. Zurück vom beißenden Wasser und dem Gestrüpp das zwischen seinen Beinen wie mit Fangarmen nach ihm griff.

Eilig lief er in Richtung Düne. Ein Wald aus Büschen, Gräsern und vereinzelten Bäumen tat sich vor ihm auf. Novi blieb stehen, schnüffelte und hockte sich hin. Der Wind spielte in den Blättern und schluckte das Plätschern unter ihm. Als er sein Geschäft erledigt hatte, suchte er eine Sandstelle zwischen zwei Sträuchern, schnüffelte wieder und setzte sich. Drehte sich um sich selbst und setzte sich. Buddelte vorsichtig und drehte sich erneut. Das Spiel ging so lange, bis er mit der Mulde zufrieden war und sich fallen ließ. Erschöpft rollte er sich zusammen und begann zitternd seine Pfoten zu lecken.

Als der Wind über das Meer neue Regenwolken an Land trieb, spürte Novi sie nicht. Er hatte sich so weit es ging in die Sandkuhle gedrängt und war über das Wundenlecken eingeschlafen. Wieder ließen seine zuckenden Pfoten und das Winseln zwischen den Milchzähnen ahnen, dass er den Lieferwagen und sein verschwundenes Rudel suchte.

***

»Die Frau, die uns angerufen hatte, sprach von sechs Junghunden. Wir haben aber nur fünf.«
»Dann ist uns wohl einer durch die Lappen gegangen.«
»Und die Mutter?«
»Spurlos verschwunden.«
»Reicht eine Box für alle?«
»Natürlich. So weit ist der Weg zum Labor ja nicht.«

***

Novis Erschöpfung war über Nacht seinem Hunger gewichen. Unnachgiebig bohrte er in seinem Bauch und weckte ihn auf. Die Regenwolken waren weitergezogen oder hatten sich aufgelöst. Strahlender Himmel begrüßte den Tag. Novi streckte sich und lief ein paar Schritte. Schnüffelte und suchte die Stelle von letzter Nacht. Dann hockte er sich wieder hin und sah dem Strahl nach, der über den Sand lief und beim Versinken eine dunkle Wellenlinie hinterließ.

In der Nähe herrschte bereits emsiges Treiben und dessen Gerüche ließen Novi nervös mit den Nasenflügeln wackeln. Menschen, es roch nach dem Essen der Menschen. Ohne sich weiter umzusehen lief er den Lockrufen entgegen.

Unter einem Holzdach waren Tische aufgestellt. Und unter den Tischen befand sich ein Holzboden, der bis über das Meer ragte und auf Stelzen stand. Novi blieb in sicherer Entfernung sitzen. Er sah die Flaschen auf den Tischen stehen und an der Wand des Hauses, aus dem die Menschen die duftenden Teller trugen, lehnte ein Holzstiel. Die Schaufel am Ende des Stieles sah anders aus als die der vergangenen Nacht. Trotzdem wollte Novi weder Bekanntschaft mit den Flaschen noch mit dem Besen machen. Doch sein Hunger hielt ihn an nicht davon zu laufen. Fressen. Er musste etwas fressen. Gebannt sah er zu dem Tisch, der ihm am nächsten stand. Saß aufrecht da und sah das kleine Mädchen an, das dort mit seinen Eltern speiste.

»Oh, sieh mal der kleine Hund. Sieh doch mal, wie brav er da sitzt und gar nicht bettelt. Oh, so ein süßer kleiner Hund. Papa! Mama! Bitte, darf ich ihn streicheln?!«
»Um Himmelswillen! Du fasst ihn nicht an. Auf gar keinen Fall. Siehst du nicht, wie räudig er aussieht. Das ist einer dieser Streuner, die hier am Strand rumlungern.«
»Oh, Papa! Sieh doch seine Knopfaugen. Wie traurig er uns ansieht. Er will bestimmt, dass wir ihn streicheln.«
»Ich habe nein gesagt.«
»Mama, sag auch mal was! Bitte!«
Das Telefon des Vaters klingelte und durchbrach die nörgelnden Worte des Mädchens.
»Ihr entschuldigt mich bitte einen Moment. Ich gehe hinein. Das Telefonat ist wichtig. Und du sagst keinen Ton mehr wegen des Hundes, Fräulein. Nein bleibt nein. Haben wir uns verstanden?!«
»Ja, Papa«, antwortete das Mädchen schmollend und schlug die Beine dabei über Kreuz. Als der Vater verschwunden war, sah sie erneut zu dem Hund, der immer noch unbeweglich seinen Blick nicht von ihr ließ.
»Oder füttern? Mama! Hat er Hunger, was meinst du? Nur ein Bougatsa, bitte!«
Die Frau blickt vom Hund zum Eingang des Hauses. Dann sieht sie ihre Tochter an, die schon aufgesprungen ist und ein Gebäckstück in der Hand hält. Sie nickt und lächelt.
»Sei bitte vorsichtig mein Schatz. Fasse ihn am Besten nicht an. Wir wollen deinen Vater nicht zornig machen. Aber gib ihm ruhig zu essen. Er hat sicher Hunger. Wenn er von der Straße kommt, wird er immer hungrig sein. Am Besten wirfst du es ihm hin.«

Novi beobachtete, wie das Mädchen sich vom Tisch erhob. Die Flasche blieb stehen. Auch der Stiel lehnte noch an der Wand.
Er wechselte das Gewicht zwischen den Vorderbeinen und ließ seinen Blick nicht von dem Mädchen. Sein Maul war leicht geöffnet, die winzigen Zähnchen blitzten und gaben dazwischen die rosa Zunge frei. Sieh mal er lächelt, hörte er das Mädchen sagen. Dann ging sie auf ihn zu. Sie ging langsamer als der dicke Mensch aus der Taverne. Was hatte sie vor? Novi legte den Kopf schief. Je näher das Mädchen kam, um so aufgeregter wedelte sein kurzer Schwanz, der kerzengerade wie ein Stöckchen in die Luft ragte – wären die Parasiten nicht auf ihm festgewachsen, er wäre weiß wie das weißeste Kerzenwachs.
Das Mädchen war viel kleiner als der dicke Mensch von der Abfalltonne und sie hatte keinen Stock. Sie war auch leiser. Viel leiser. Sah ihn nur lächelnd an und ging Schritt für Schritt auf ihn zu. Als sie ganz nah vor ihm war, blieb sie stehen und sagte: »Na du kleiner Hund, hast du Hunger?«
Novis drängte sich an den Boden, legte sich auf die Seite, hob die Vorderbeine in die Luft und sah das Mädchen immer noch an. Sein Schwanz klopfte wie wild auf den Boden und hinterließ auf dem feinen Sand eine Staubwolke.

Das Mädchen lachte und hockte sich zu ihm. Sie sah sich kurz um, und als sie ihren Vater nicht entdeckte streckte sie ihre Hand nach dem Bauch des Hundes aus. »Du hast da so lustige Flecken. Du siehst ja aus wie ein Dalmatiner von unten … und du … bist ganz warm«, flüsterte sie nun fast und ließ ihre Hand zwischen seinen Pfoten liegen.

Novi genoss das zärtliche Kraulen auf seiner nackten Haut. Er reckte den Kopf und versuchte mit seiner Zunge die Hand des Mädchens zu erreichen. Willst du mein Rudel sein, wollte er sie fragen und leckte zögerlich ihre Finger. Da ertönte von der Holzterrasse eine verärgerte Stimme zu ihnen herüber.

»Weg von dem Hund verdammt! Was habe ich dir gesagt, Fräulein!?«
»Oh-oh! Das gibt Ärger. Hier, Hundchen, ein kleines Frühstück für dich«, flüsterte sie und legte das Gebäckstück vor seinen Kopf, »ich muss jetzt gehen. Wiedersehen!«, dabei gab sie ihm einen Kuss auf die kalte Hundenase, sprang schließlich auf und rannte zurück.

Teil 2

Novi sah dem Mädchen nach. Wieso blieb sie nicht? Ihre Hand
war warm gewesen. Das Kraulen eine Wohltat. Und sie sollte doch
sein Rudel sein. Der Mann an dem Tisch fuchtelte wild mit den
Armen, als sie zurück auf den Holzboden kletterte. Novi legte die
Ohren an, denn die Stimme des Mannes klang laut dabei und wütend. Er
hatte sich wieder aufgesetzt und neigte den Kopf. Seine
Vorderpfoten wechselten sich beim Tragen seines Gewichtes ab. Es
sah aus, als ob er tanzte. Kerzengerade und still
lag seine Rute am Boden, als er den Tisch und die Menschen daran weiter beobachtete.
Die Flaschen blieben stehen. Auch der Besen lehnte weiterhin an der
Wand. Als das Mädchen den Kopf senkte, stand auch die Frau auf. Sie
legte ihr die Hand auf die Schulter und schob sie zur Tür.

Nachdem die drei in dem Haus verschwunden waren, lenkte der
Duft des Bougatsastückes Novis Aufmerksamkeit auf seinen Hunger
zurück. Er stupste kurz mit der Nase gegen das Gebäck, leckte daran
und verschlang es schließlich bis auf den letzten Krümel. Kleine
Menschen bringen warme Streichelhände und Fressen. Das hatte er nun
verstanden. *** Novi hatte das Spiel mehrmals am Tag wiederholt. Er
war in der Nähe der Holzterrasse geblieben und wenn er ein Kind an
einem Tisch entdeckte, setzte er sich in kurzer Entfernung ganz
still hin und sah es einfach nur an. Manchmal warfen sie ihm etwas
zu. Manchmal gingen sie zu ihm. Manchmal fiel einfach etwas unter
den Tisch und Novi holte es, sobald die Menschen in dem Haus
verschwunden waren und bevor andere Menschen sich an den Tisch
setzten. Es gab Bougatsa, Fleischröllchen, Kekse und Fisch. Das
letzte, was er erhielt, diesmal von einer älteren Dame, die über
sein Nichtbetteln genauso entzückt war, wie das Mädchen zu Beginn,
war ein Knochen. Ein Knochen. Nun, ein Knochen ist für Milchzähne
eine ernste Angelegenheit. Außerdem war Novi satt und müde. Aber er
durfte sich diese Beute nicht entgehen lassen. Also griff er sie
mit den Zähnen und trollte sich in Richtung Dünen davon. *** Was
Novi nicht bemerkt hatte, war das Rudel Hunde, das seine
Anwesenheit mit Argusaugen aus dem Schatten der Mole heraus
beobachtet hatte. Dieser Winzling hatte ihnen ihre Tagesration
abspenstig gemacht, das dürfte nicht noch einmal passieren. Er war
jedoch ständig so nah an den Menschen gewesen, dass sie es nicht
gewagt hatten, ihn zu vertreiben. Sie hatten ihre Erfahrungen mit
der Nähe zur Terrasse gemacht. Nun sahen sie zu, wie der
Widersacher seine Beute anfing zu verscharren. Dabei wühlte er mit
den Vorderpfoten ein Loch in den Sand der Düne, legte sie hinein
und schob mit dem Nasenrücken den Sand darüber. Anschließend suchte
er sich eine Stelle zum Schlafen. Rollte sich zusammen und steckte
die Nase unter die Pfoten. Er sah solange auf den dunklen Sand über
der versteckten Beute, bis ihm die Augen zufielen. Der Zeitpunkt
zum Umzingeln war günstig. *** »Suchen wir den sechsten aus dem
Wurf?« »Der kann heute schon überall sein! Meinst du, das macht
Sinn?« »Naja, die Chefin würde es freuen. Für die anderen gab es
doch gutes Geld. Und überall? Überall, wo er leicht an Futter heran
kommt, denke ich.« »Also gut, grasen wir die Hinterhöfe der
Tavernen ab. Ist der Köcher noch im Wagen?« *** Scharren und
Knurren weckte Novi auf. Er blinzelte und sah ein fremdes Rudel,
das sich um ihn aufgebaut hatte. Ihre Zähne waren gebleckt, die
Lefzen nach hinten gezogen. Schlagartig war er wach und schreckte
hoch. Instinktiv fletschte er die Zähne. Das war sein Loch. Seine
Beute. Die Größe der Hunde und die Tatsache, dass sie in der
Überzahl waren, war ihm egal. Mit einem Satz preschte er auf
denjenigen zu, der sich buddelnd an seinem Versteckt zu schaffen
machte. Er setzte zum Sprung an und verbiss sich in dessen Nacken.
Hing für einen Moment wie ein Parasit an ihm und ließ nicht los.
Der Kontrahent hatte dichtes rotes Fell. Der ausgemergelte Körper,
der allen Streunern gleich war, war gut darunter versteckt. Es
blieb nicht viel Angriffsfläche für Novis Kindergebiss und so fiel
er nach ein paar Mal kräftigem Schütteln wieder ab. Sofort drehte
der Rotfellige sich zu ihm um. Das Weiße in seinen Augen blitzte,
drohend zeigte er seinen gut entwickeltes Kiefer und machte
knurrend einen Satz auf Novi zu. Flüchten konnte er nicht, dazu war
es zu spät. Ohne dass er berührt worden war, schrie Novi plötzlich
in einem dermaßen hohen Ton und mit einer Lautstärke auf, als
würden ihm sämtliche Knochen gebrochen. Dabei reckte er alle Viere
in die Höhe. Ich ergebe mich, ich ergebe mich ja, wollte er sagen
und ließ einem Angststrahl seinen Lauf. Die gelbe Flüssigkeit
landete heiß auf seinen Bauch und tropfte in den Sand. Die anderen
Hunde waren dichter herangetreten. Blähten ihre Nasenflügel und
zeigten immer noch die Zähne. Der Rotfellige hatte mittlerweile den
Knochen ausgebuddelt und hielt ihn im Maul. Er machte Anstalten zu
gehen. Da wandte sich auch die übrige Meute von Novi ab, der immer
noch fiepend auf dem Rücken lag, und lief gemächlich Richtung Mole
von dannen. Große Hunde stehlen deine Beute. Da musst du schneller
sein und besser aufpassen. Und wenn du laut bist, verschwinden sie.
Das hatte er nun verstanden. *** In einem Büro in Deutschland: »Wie
viele Plätze hatten Sie noch frei? … für vier Kisten? Aha. Und es
ist der letzte Flug in diesem Jahr? Das heißt, wir brauchen
Pflegestellen? … Gut, ich kümmere mich darum.« Johanna legte den
Hörer auf und ging sofort die Kartei durch, in der sie freiwillige
Unterstützer notiert hatte. Da war diese Frau, die vor ein paar
Wochen fast nach Griechenland geflogen wäre, um sich ein
Settermädchen abzuholen. War noch nie auf den Inseln gewesen und
wollte es mit einem kurzen Urlaub verbinden, die Zweijährige
kennenzulernen und sich dann direkt selber um die
Transportbetreuung kümmern, wenn sie ihr zugesagt hätte. Sie suchte
nach der Nummer, der Name war ihr entfallen. Leider hatte die Frau
damals kurzfristig abgesagt, weil sie ihren Traumhund dann doch in
Deutschland gefunden hatte und als Wiedergutmachung hatte sie ihre
Hilfe angeboten. Na, das wäre doch jetzt eine gute Gelegenheit. Wir
können alle Kisten besetzen, wenn wir jemanden haben, der sich um
die Pflege in den ersten Tagen oder Wochen kümmert … aha, da ist
sie. Lenz, Frau Lenz. Johanna tippte die Telefonnummer ins Handy.
FORTSETZUNG FOLGT

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